top of page

Mariam Kühsel-Hussaini: DIE SCHULD IST SCHULD!

Am 18. Oktober 2017, an einem Nachmittag, schrieb ich Martin Walser: Was sehen Sie, wenn Sie jetzt – jetzt in diesem Moment – aus dem Fenster blicken? Seine glänzende Antwort war nach wenigen Stunden in meinem Posteingang: Der Herbstschrank öffnet seine Tür / in roten Strömen fließt die Zeit / kann sein, die Pracht gilt nicht mehr mir / dann überwintere ich im Neid.



Narziss, Caravaggio (um 1600)


Ich gab damals ein Faltblatt heraus, in dem sein Gedicht landete, nur wenige wissen davon. Vom A5 Format konnte man das Heft aufklappen zu A1 – ein Erlebnis voller Überraschungen. In jedem gefalzten Feld ein Mensch und sein Gedanke – aus Deutschland, aus der Welt – darunter Winfried Glatzeder, Daniel Barenboim, Alexander Vilenkin, Florian Illies, Alfred Jahn, Sergej Tchoban, André Stern, Peter Matić, Eduard von Habsburg-Lothringen, Richard Eu, Uwe Tellkamp, Philippe Herreweghe, Jürgen Dollase, Atiq Rahimi, Werner Spies, André Heller …


Eine kleine Auslese:


Florian Illies, welcher ist dein Lieblingshintern aus der Kunstgeschichte? Antwort: Jener in Felix Vallotons „Liegendem Akt auf rotem Teppich“. Eine junge Frau, die sich in den Hüften so um die eigene Achse dreht, dass man auf einem Blick ihrem Po ins Auge sehen kann und gleichzeitig ihre Augen mit den Händen befühlen. Und genau darum geht es ja schließlich.


Uwe Tellkamp, beschreiben Sie die Farbe des Blutes von Mozart. Antwort: Rot, nehme ich an …

Atiq Rahimi, si Mozart était un élément, quel serait-il ? Antwort: Mozart est l´eau, de l´eau fluide, translucide, criarde, silencieuse, agitée, dormante et profane.


Werner Spies, als du ihn in Mougins besuchtest, wonach roch es? Wie roch er? Antwort: Picasso roch nach Ewigkeit, nichts Irdisches.


Richard Eu, London in the 60s? Antwort: Ban the Bomb marches in Trafalgar Square. The Apple Store in Baker Street sold clothes, not computers.


Nur zwei Ausgaben haben wir gemacht, aber zweimal haben wir geleuchtet. Druckerzeugnisse lagen schon meinem Kalligraphen-Großvater am Herzen, er war auch unter dem letzten afghanischen König, Zahir Shah, Direktor der Abteilung für Schönschrift und Zeichnungen an der Königlich Afghanischen Staatsdruckerei Kabul. Ich liebe das gefühlte, gedruckte Wort und die Verantwortung ist unendlich, ist unermesslich. Was ist aus Deutschlands Verantwortung für das geschriebene Wort geworden? Wo sind die sittlich gebildeten Meister und die wahren Ritter der Stunde, die einem alles zerpflücken, ohne die Menschen zu häuten?


Die Stunde Null Deutschlands war kein Neuanfang, sie war der Anfang vom Ende. Ein Fluch voller Erfolg, Energie und Lebenswillen, aber nichts als ein Ende. Eine Euphorie, die das Glück nur anschlug wie eine Taste in der Klaviatur der Hoffnungsexistenz. Wer Adenauer verehrt, verdrängt ein halbes Jahrhundert Wirklichkeit. Deutschland, noch einmal: Dein Journalismus hierzulande ist die Träne wert. Sprach ich vor wenigen Wochen noch von Deutschland als einer Camera Silens – einem Folterzimmer, das keine sichtbaren Spuren hinterlässt – so stufe ich nun auf: Deutschland, Du bist weltweit Seelenfolterkünstler! Du quälst Deine eigenen Menschen.


Ebenfalls in einem Oktober hielt Walser seine überragende Rede in der Frankfurter Paulskirche. Nur ein weiterer Oktober in einem deutschen Schuldzeitalter, das die Beherrschung um das Ausmaß der Schuld vollkommen verloren hat. Eine kritische Predigt, beginnt Walser, erwarte man nun also von ihm und ungute Meldungen, so fährt er geschliffen und lässig fort, die gäbe es schließlich immer. Die Medien hätten genug Nachhall zu pflegen. Käme er nun nur mit Schönem, müsste er sich ja doch wieder zu viel dafür rechtfertigen. Im Wegdenken habe er sich geübt, sonst käme er weder durch den Tag, schon gar nicht durch die Nacht. Und man kann als Autor, wenn die Wirklichkeit die Literatur geradezu nachäfft, nicht so tun, als ginge es einen nichts mehr an. Dann spricht er es endlich aus, das, wofür er eigentlich gekommen ist: Dass öfter nicht mehr das Gedenken, das Nichtvergessendürfen das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken. Auch nur das tiefe Bedauern etwa um die Teilung Deutschlands würde zur ständigen Unterstellung einer Auschwitz-Leugnung, einer Gewissens-Nötigung durch Intellektuelle, so Walser: Nie etwas gehört vom Urgesetz des Erzählens: der Perspektivität. Aber selbst wenn, Zeitgeist geht vor Ästhetik. Auf den fußballfeldgroßen Alptraum, mit dem er das Berliner Holocaust-Mahnmal sodann beschreibt, folgt ein großartiges Staccato-Zittern seiner ganzen Innerlichkeit: Monumentalisierung der Schande, negativer Nationalismus, Banalität des Guten.


Es ist die Ruhe in seiner Menschenkenntnis, die besticht, es ist so schön, wenn er das Gewissen des Menschen als nicht mehr wahr-existent entlarvt, sobald es den Einzelnen verlässt und zum allgemeinen Aufruf, ja zur moralischen Androhung und geistigen Unterdrückung verkommt. Sie muss, zitiert er Hegel, innerliche Einsamkeit bleiben und um es mit Kleist noch zu vollenden – das befreiende Moment kann einzig der Verurteilte hervorrufen, wenn er das Todesurteil etwa als ungerecht benennt, wenn sich also die Seele des Einzelnen wehrt, so ist das Freiheit. Das möchte man den Meinungssoldaten entgegenhalten, wenn sie, mit vorgehaltener Moralpistole, den Schriftsteller in den Meinungsdienst nötigen. Sie haben es immerhin so weit gebracht, dass Schriftsteller nicht mehr gelesen werden müssen, sondern nur noch interviewt. Dass die so zustande kommenden Platzanweisungen in den Büchern dieser Schriftsteller entweder nicht verifizierbar oder halb widerlegt werden, ist dem Meinungs- und Gewissenswart eher egal, weil das Sprachwerk für ihn nicht verwertbar ist.


Sehr viele Nachrichtenportale ähneln inzwischen Dreckschleudern. Dass sie damit keinen Deut zur Lösung der Probleme beitragen, sondern lediglich eine Masse der Bevölkerung scharf machen, ist ihnen bewusst. Walser dazu: Dass man das Wichtigste auch dann zur Kenntnis nehme, wenn man den Aufsatz selber nicht Zeile für Zeile liest. Die, die mit solchen Sätzen auftreten, wollen uns wehtun, weil sie finden, wir haben das verdient. Wahrscheinlich wollen sie auch sich selber verletzen. Aber uns auch. Alle. Fürwahr, und manche von denen geben sich gern heldisch aufklärend, hängen sich den unwiederholbaren Stauffenberg an die Wand ihrer Bestrebungen und ahnen nicht, wie kristallin der ihre geschmacklos herbeigezündelte Wirklichkeit verübeln würde, war es doch eben dieser geheimnisvolle, hochgewachsene, verträumt-sanft strahlende Hitler-Attentäter und George-Bewunderer, der 1934 in Würzburg eine Rede Streichers – mittendrin und demonstrativ! – verließ.

Der journalistisch zwar pochend, aber Anmut und Haltung bewahrend beste Ton herrscht derzeit im Cicero. Dort wird nicht minütlich der Migrant an die Wand gemalt, vor allem nicht der, der pünktlich zur Europawahl mit dem Messer um die Ecke kam. Im Cicero brennen sie auch für dieses Land, aber sauber und zurückhaltend, so schwer das auch fallen mag, genau darin erkennt man die Offiziere des Geistes, die Feuerflüsterer. Neben den unleugbaren Gefahren, die sich durch diese absichtlich herbeigerufene, schändlichste, ungeheuerlich niederträchtige Übermigration ergeben, ist eine andere, die des Kindesmissbrauchs in Deutschland und zwar als deutsches Problem, lauernd in den entlegenen und verschwiegenen Provinzen der Bundesländer bis ganz nach oben hin.


Fälle von in Deutschland gehosteten URLs, die Material von Kindern enthalten, die sexuell missbraucht werden, schießen aktuell in die Höhe. Wer die Filme Operation Zucker (2012) und Jagdgesellschaft (2016) gesehen hat, wird sie niemals wieder vergessen können. „In Wirklichkeit ist es noch viel schlimmer als wir es darstellen“, erklärte Produzentin Gabriela Sperl dazu. „Die Ergebnisse meiner Recherchen waren teilweise so krass, dass man sie gar nicht umsetzen konnte. Die Informationen, wie viele ‚Täter’ es bis in die höchsten politischen Hierarchien gibt, sind niederschmetternd.“ Organisierter Sadismus, so der Tagesspiegel. „Kinderhandel ist ein lukrativer Wirtschaftszweig, wie Waffen- und Drogenhandel. Mitten in Deutschland werden Kinder und Babys sexuell missbraucht und gequält. Rund 12 000 Straf- und Ermittlungsverfahren gibt es jedes Jahr hierzulande. Die Dunkelziffer ist viel höher. Laut Polizei kommen die Täter aus allen sozialen Schichten und sind oft gut vernetzt.“ „Manche Kinder werden schon nach der Geburt verkauft und bleiben in diesen Kreisen als Ware“, so der Missbrauchsbeauftragte des Bundes. Er hat mit Betroffenen gesprochen: „Das sind Überlebende schlimmster Gewalt.“ Ex-Kriminalhauptkommissar Manfred Paulus sagte, er habe es einmal mit einem Fall zu tun gehabt, in dem drei kleine Jungen aus Deutschland von ihrer Mutter an eine Gruppe Pädophiler verkauft wurden. Sexueller Missbrauch finde mitten in Deutschland statt. Viele Täter seien Akademiker und in zum Teil hohen politischen oder wirtschaftlichen Positionen. „Sie suchen in jungen Jahren schon Schutz vor Verdacht, und sie entdecken: Der beste Schutz ist gesellschaftliche Achtung“. Kinder aus Osteuropa und deutsche Kinder, von deutschen Prügelvätern auf die Straße getrieben, wie die Emma schrieb. Kinder, die von deutschen Eltern ans Ausland verkauft werden oder als Ware in den Verstrickungen landen, die sich von ganz unten bis in höchste Kreise hochzirkeln. Berlin, als Drehscheibe der Kinderprostitution.


Die Täter seien nicht nur unter, nein auch über uns: Der Staatssekretär, der Bauunternehmer und viele andere feine Herren sind es, die Mädchen und Jungen als „Nachtisch“ für ihre Partys bestellen. „Es raubt einem den Atem, dass all das auf recherchierten Tatsachen beruht“, sagt Regisseurin Sherry Hormann. Ich frage: Wohin wird der deutschstämmige Kinderschwerstschänder remigriert? In die Hölle? Oder ist sein Blut zu kostbar und wird gebraucht für die homogene Phantasie eines endlich von Ausländergewalt befreiten Volkes? Die roten Ströme der Zeit, von denen Walser fast ein wenig beklemmend sprach, sie sind gekommen. Blut ist an die Wolken getupft. Boshaft ziehen sie über uns hinweg. Die Unendlichkeit einer nie gewesenen Ausweglosigkeit grinst und gähnt uns an. Fieber breitet sich aus, rast und glänzt wieder auf den Stirnen. Nie durfte dieses schöne Land pausieren, nie sich selbst betrachten, ohne Vorwurf, ohne Ziel nur sich selbst betrachten, wie Narziss es tut.


Hängt der Spiegel dafür rechts, wo Gestalten von Männlein und Weiblein sich das Wort anmaßen, die jederzeit genauso schlecht bei der Antifa ihr Unwesen zu treiben wüssten? Geht es ihnen nämlich gar nicht um Deutschlands innersten Schatz, sondern nur darum, einem Lager anzugehören, aus der Zerrissenheit ihrer Vorfahren heraus, endlich selbst Grenzen zu ziehen. Es liegt weit unterhalb meiner persönlichen Geistes- und Kulturstufe, auf solche Leute einzugehen. Mein Wort und mein Glaube gehören Deutschlands freidenkenden Menschen. Der einzige Spiegel ist der Verstand des Einzelnen oder wie Walser in der Paulskirche offenbarte – liegt nicht in einem jeden ein ganzes Spiegelkabinett?


Es bräuchte einen arglosen, durch Himmel und Hölle geschrittenen Menschenschlag, der Deutschland neu entwirft, leichter macht für die letzte Stufe, die wir nun erreicht haben, die Endzeit. Einen Willy Fleckhaus der Politik, der sich in der ganzen Meisterschaft von Sinn und Form immer für die klarste Lösung entscheidet und doch auch das Schulterzucken nicht verlernt. Sich an den Tisch setzt und dieses Land – mit Lineal und Stift – erneuert, ohne die Temperamente, die vielen Charaktere und Temperaturen und Farben auszustreichen. Wenn Regenbogen, dann nur den Fleckhaus-Regenbogen!


Georg Bollenbeck hat sich in seiner Schrift „Tradition, Avantgarde, Reaktion“ Ende der Neunziger Jahre mit der ursprungsmythologischen Argumentationsfigur Volk auseinandergesetzt und sie ein für alle Mal durch die Epochen geführt und durchgespielt. Von Kontinuität kann keine Rede sein, zumal immer mehr Zeit damit vergeudet wurde, wie er schreibt, die Andersartigkeit der Juden festzuhalten, als eigene Wahrheiten zu schärfen und schließlich verödete der Begriff. Bollenbeck umkreiselt und umdenkt die Sphären eines Deutsch-Romantisch-Ewigen, das Genie des Einzelnen, Naturkraft und kollektiv-genetische Genialität werden von ihm verwoben. Besser man liest bei ihm nach, als sich auf die, zum Teil, unterirdischen Dimensionen von rechts überhaupt einzulassen. Neue Blicke zuzulassen, wäre tatsächlicher Fortschritt, wie der Minnesänger der Aster, Kevin Naumann, schreibt. Das wahrhaft Weltoffene – wie er ersehnt – wo ist, wo liegt das? Das wirklich Großartige, das Feine?


Natürlich ist der islamistische Terror seit der Penetration westlicher Einmärsche in den Orient und der gezielt initiierten, US-inspirierten Implantation von Terrorcamps und den international zusammengeköcherten Gotteskriegern, die auf die dortige, friedlich säkularisierte Bevölkerung losgelassen wurden, auch zu einem strukturell abgrundtiefen Problem für Deutschland geworden. Salafistenbärte sind nur sehr schwer zu ertragen für den freien Menschen, und zwar allerorten. „In jedem Barthaar ein Teufel“, pflegte mein Großvater zu sagen, der am Ende seines Lebens einen eleganten Ziegenbart à la Rathenau trug. Die abendländisch-christliche Geschichte Deutschlands ist dieser Gefahr ausgesetzt und dennoch hat nicht der Islamismus das Land zerbrochen, sondern die Kastration deutscher Souveränität durch das fragwürdigste aller Weltgerichte, die Nürnberger Prozesse.


Der D-Day mit seinen allerletzten Shining-Badewanne-Szene-Protagonisten wird immer noch gefeiert wie ein Geschenk des Himmels. Invasion of the United States. Dass es, dem British Empire gleich, nichts als eine Legacy of Violence war und bleibt, wird nicht in derselben Vehemenz zelebriert. Stattdessen werden zur verlogenen Tradition der deutschen Widderjudmachung in dieser Schlussphase politischen Verderbens weltweit, ganze Bevölkerungen von dort nach hier verfrachtet. Mit welchem Recht, frage ich die Person im Auswärtigen Amt – die vor mir keinen Namen trägt, weil ihr auch das Wort Deutschland nichts bedeutet – mit welchem Recht also würgt diese höchst bedrohliche, höchst fragwürdige, höchst ungeistige Person die Menschen in diesem Lande mit der permanenten Bedrängung und Bedrohung fremder Herkünfte und Kulturen? Mit welchem Recht, lässt sie, einem merkelschen Roboter gleich, weiter Tausende einfliegen, unter denen dann auch solche sind, vor denen ein immer schon kulturwestlich verfasster Mann wie mein Vater einst floh? Mit welchem unermesslich verdorbenen Recht verhindert sie Abschiebungen? Mit welchem Recht greift diese Person aus dem Auswärtigen Amt jetzt nach einem noch verderblicheren Amte, dessen bevorstehendes und nicht auszudenkendes Unheil mich um den Schlaf und um den Verstand bringt? Person im Auswärtigen Amt: Du trägst keine Liebe in dir. Wegen Personen wie dir und deiner „Politik“ der Lüge keimt der Fremdenhass von neuem! Marc Pommerening hat ein wunderbares, neonartiges Sonett verfasst. Klug und überlegen auf jene hin, die erst kürzlich einige, sagen wir, Schwierigkeiten hatten, die SS zu definieren.


In seinem triumphalen Lucifer ante Portas schrieb der erste Gestapo-Chef Hitlers, Rudolf Diels, 1949: „Wie soll man zu den Deutschen sprechen? Der Nationalsozialismus ist weder besser noch schlechter als andere Ismen. Seine Gemeingefährlichkeit entwickelte sich erst, als er nach seinem Machtantritt hinter einer faszinierenden Fassade seinen Ungeist entfaltete, die Totschläger nach oben brachte und sich – für die meisten Deutschen jedoch unauffällig – als ein brutales System der Gewalttätigkeit nach innen und nach außen entpuppte. Seine nachwirkende Gefahr liegt darin, dass die Entlarvung seines ideologischen Anstrichs, seines antikommunistischen Messianismus und seiner materiellen Erfolge durch die westlichen Befreier bis heute unmöglich gemacht wird, während die Russen Hitlers alte patriotische und totalitäre Musik erklingen lassen. Ich will versuchen, zu erklären, warum die Herrschaft der Totschläger Böses gebären musste, und dass auch künftig aus roher Gewalt weder sittliche noch echte politische Kraft erwachsen wird, dass die Gewaltherren immer Kriege führen und Kriege verlieren werden, und dass, wer ihre Erfolge zurücksehnt, auch ihre Verbrechen wieder heraufbeschwört. Ich will mich hüten, die Ichform mehr als notwendig anzuwenden, aber ich stand am 30. Januar 1933 dem Mittelpunkt des Geschehens mit am nächsten …“


Es gibt keine Kollektivschuld, nirgends. Ganze Nationalitäten zu verdammen ist ein Zeichen der Verdammnis selbst. Wer da draußen würde noch wissen wollen, dass ein exzellenter, afghanischer Neurochirurg zuletzt im OP mitkämpfte um das Leben des Polizisten Rouven L.? Unglück mache Identität unmöglich, sagt Cioran. Ist das Auge einmal geöffnet, bleibe der Mensch wortlos vor einer stummen Wirklichkeit zurück, offenbart er. Das Auge der Erkenntnis, von dem, wie er ausführt, die Orientalen sprächen, schliefe durch die Wirklichkeit doch nur in einer Wachheit. Unser Auge ist nun geöffnet. Ehrlich und in einer Mischung aus Entsetzen und Melancholie müssen wir gestehen, es ist vorbei, Germany has left the building. Das Einzige, was uns noch bleibt, ist der Rückzug in die letzten, heiligen, innersten Kammern eines jeden, der dieses Land liebt und einen Teil davon in sich bewahrt: Schluss mit der Schuld für alle! Hinfort mit der Schuld, die als Schlinge der Schlange um die Kehle dieses Landes und seiner Menschen geschnürt ist und alles mit ihnen machen kann! Schluss mit der Schuld, die nicht die Schuld der Menschen, sondern ihrer Zeit und ihrer historischen Schlieren und Unaufhaltbarkeiten war! Schluss mit der Schuld, die als einzige weltweit nicht von der Bedingung durch Vergebung erlöst wird! Ohne Vergeben keine Schuld – also hebt sich die deutsche Schuld auf, wenn sie nicht endlich durch ein Fenster entweichen kann und in der Luft einer geringfügigsten Hoffnung einmal atmet. Wir sind Schönheitszeugen dieses Landes, wir sind Verlorene seiner Geteiltheit, seiner Schändungen von außen, seiner Kollaborateure von innen. Schuberts Ständchen für Cello und Klavier klingt in mir auf, wenn ich daran denke. An die Stürme, die waren, an jene, die kommen werden, und sie werden kommen. Deutschland, etwas Zärtliches trugst du immer in dir . . .


 *

 



        Hier können Sie TUMULT abonnieren.

                                              Für Einzelbestellungen klicken Sie bitte hier.


Commentaires


bottom of page