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Mariam Kühsel-Hussaini: LIEBER THOMAS HALDENWANG!

Aktualisiert: 12. Apr.

Ich bin sicher, Sie wissen schon einiges über mich, darum richte ich hier unverstellt das Wort an Sie. Ich sehe in diesen Tagen, wie man auf Sie eindrischt, Namhafte und Namenlose. Ich nehme es – abwechselnd – mit Schmunzeln und Kopfschütteln zur Kenntnis, weil die meisten in die extreme Absurdität Ihrer Arbeit keine Einfühlung besitzen dürften, was sie nicht hindert, auf Sie loszugehen. Dass Sie als Marburger Akademiker nicht gerade auf den Kopf gefallen sind, ist klar. Ihre Wortmeldung, in der Sie die Meinungsfreiheit in Deutschland als eine eigene Existenz unterstreichen, wurde indes wohl kaum in ihrem Kern durchdrungen. Es ist, wie Carsten Germis kürzlich schrieb, ein Abschreibejournalismus par excellence, der in der deutschen Presse sein Unwesen treibt. Selbst Todfeinde können nicht das Hirn des anderen verlassen, wenn sie denken. Einer schreibt für den anderen, statt zu den Menschen zu sprechen. Die Meinungsfreiheit schützt selbst anstößige, absurde und radikale Meinungen, schreiben Sie in Ihrem Text. Selbst scharfe, polemische oder radikale Äußerungen. Beinah sympathisch ist, wie Sie sogar von Einheitsbrei reden, den Sie keineswegs bezwecken.



Karl Friedrich Schinkel: Der Morgen (1813)


Es ist jene nicht in den äußersten Ring des Strafrechts fallende Meinungsäußerung, die verfassungsschutzrechtlich von Belang werden könnte, wie von Ihnen formuliert, über die die Gemüter gerade orakeln. Dass unter diesen laut Nachdenkenden ausgerechnet solche auf Ihre Person einschlagen, die seit Jahren die gesellschaftliche Luft einzig durch Reizgas vernebeln, getarnt durch einen nicht besonders gut sitzenden journalistischen Mantel und getrieben von angeblicher Fürsorge für dieses Land – ist auffällig, ärgerlich und gefährlich. Mehr noch, es zeigt sich, den allermeisten von denen geht es nicht darum, die Menschen durch Ordnung und Wissen zu erlösen, durch Handreiche einer Ergründung historischer Strukturen, sondern ebenso zu verdunkeln wie es jede Agenda der Angst beabsichtigt, jede Mathematik der Unterdrückung, jede Ahnungslosigkeit. Nein, nicht Sie sind das Übel, Herr Haldenwang, sondern die Instrumentalisierung Ihrer Person durch Ihre Vorgesetzten, die einem geistigen Klima entspringt, in dem es als oberstes Gebot angesehen wird, Hand in Hand mit den partners aus Übersee auf Augenhöhe unter deutscher Entmündigung ins Unheil zu schreiten!


Das ist ein systematisch aufgebauter Komplex seit 1946 und den Anfängen in Pullach. Das gehässige Anrecht, das sich alliierte, geheimdienstliche Strukturen im zerstörten und bloßgestellten Deutschland auf alle Zeit sicherten, das ist das Problem – nicht Sie, Herr Haldenwang. Unabhängige Historikerkommissionen, deren Arbeit teilweise erheblich gestört wurde, haben in den letzten Jahren großartigen Einblick geschaffen in die frühen Geheimdienstbeziehungen zum besiegten Deutschland. Muster der Einwände finden sich dort, wo es – etwa im Falle der USA – um die Instrumentalisierung des BND ging. Das Ausspähen hierzulande steht nicht in Görings Tradition seiner morgendlichen Telefonschnüffelei, bei der es ihm vor allem darum ging, wer ihn als dick oder fett bezeichnete, sondern es ist ein künstlich erzeugtes Reptil des Nachkriegsdeutschland, eine äußerst befremdliche, verstörende und manipulative Waffe, ein gefährlicher Kuss Adenauers und Gehlens mit den – besonders – transatlantischen friends.


Und während die Supermacht Superspielräume genoss, wurde Deutschlands Handlungsmanege in erniedrigender Weise äußerst petite gehalten. Das Ergebnis der Nürnberger Prozesse und ihrer verborgenen Verlogenheit ist endgültig entfesselt: Deutschland in all seiner Kraft, die schließlich nur in Menschenvernichtung ausarten kann, auf unabsehbare Zeit zu ruinieren und indes selbst als großer Befreier die Operation Weltzerstörung anzugehen, wie Gerhard Zwerenz solche „demokratischen Unternehmungen“ einmal nannte. Wer das Vernichtungspotenzial dieser seit 1945 dauernden, düsteren und sich weiter verdüsternden Qualität nicht erkennt und stattdessen auf einen Chef des Verfassungsschutzes einschlägt, dem liegt nichts an Deutschland. Das passiert mit einem Land, dem man die Grundlage seiner Selbstreinigung nahm und das man keine sich selbst gehörende Nation mehr sein ließ! Einem solchen Land kann dann alles zur Gefahr werden: importierte Religionen, eine enthemmte Presse, ein verlorenes Deutschland. Herangezüchtet und losgelassen wird ein identitätsloser „deutscher“ Politikertypus, der die letzten noch verbliebenen, fein überragenden, rathenau´schen Diamanten einer attraktiven und souveränen Außenpolitik ent- und bloßstellt: Hochfrech! Fremd-dressiert! Sprach- und gedankenfern! Ungebildet! Unanständig! Unmenschlich! Unerlöst! Trostlos! Langweilig! Anmaßend! Zickig! Unersättlich! Schlecht temperiert! Uncharismatisch! Unreif! Unterdurchschnittlich! Bonzig! Tiefverlogen! Rotznäsig! Eingebildet! Selbsthasserfüllt und ohne auch nur irgendeine humanistische Befähigung, die Anlass gäbe zu solcher Schnoddrigkeit, ja selbst ein dringender Fall für den Verdachtsfall! Deutschland … wissen Sie noch, Herr Haldenwang? Nicht alles war perfekt, vieles war gut, die Erinnerungen schön und das Licht im Sommer, über den Baumkronen der Wälder wipfelnd und dieses Gemisch aus Intelligenz, Anstand und Weltoffenheit – ohne dabei sich selbst ganz zu verleugnen?


Lassen Sie sich nicht weiter benutzen, das würde Ihnen auch Ihr Marburger Kommilitone durch die Zeiten, Rudolf Diels, ans Herz legen, der mehr als jeder andere und als mehrfacher Kenner – 1933 erster Gestapochef und 1949 der (inoffiziell) potenzielle Kandidat des Postens eines Chefs der Bundespolizei, dem heutigen Verfassungsschutz – davor warnte, den Typus des durch persönliche Komplexe zu kurz Gekommenen, an die Hebel dieser extrem sensiblen, politischen Polizei zu lassen: sein Glaube an die Judiz, die Friedrich Wilhelm I. von seinen Beamten forderte, ist der richtige, der einzige Weg halbwegs aus der Ruine BRD herauszukommen, in eine neue Hoffnung hinein. Judiz, das ist Urteilsfähigkeit. Aus Bildung, Volksnähe und Erfahrung heraus das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Den wahren Sinn, der über Gesetzen und ihrem Wortlaut liegt, zu erkennen. Deutsche Verwaltungsorganisation ist der Baustein, nicht die Errichtung und Kultivierung selbstständiger Apparate. Informanten gefährden den Staat, sie schützen ihn nicht. Die sittliche Reife und Auswahl der Beamten ist es, wie Diels schreibt, die dafür sorgt, dass vage Verdächtigungen erst gar nicht aufkommen. Nein, nicht Sie persönlich sind das Übel, Herr Haldenwang, die Strukturen sind es und darum appelliere ich an den Menschen Haldenwang, an den Mann Haldenwang, an den, der offenkundig frei sprechen und denken kann – das Treibhaus zu öffnen! Ich appelliere an Sie, auf Ihre Persönlichkeit zu bestehen und den Missbrauch Ihres Amtes durch unvornehmste Interessen zu kappen. Als Verwaltungsbeamter höchster Ebene ist Ihnen der Schutz der Freiheit der Gedanken doch ein Juwel! Dieses Land braucht starke Männer! Macher mit Herz!

 

I h r e

M a r i a m K ü h s e l - H u s s a i n i

B e r l i n , 7 . I V . 2 0 2 4


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Über die Autorin: Mariam Kühsel-Hussaini, geb. 1987 in Kabul, aufgewachsen in Deutschland, Sproß einer Kalligraphendynastie in direkter Linie seit dem 7. Jahrhundert, deutsche Schriftstellerin.




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