Markus C. Kerber: KANN RUSSLAND AUF SEINE IMPERIALITÄT VERZICHTEN?
- vor 11 Stunden
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In einer Studie über das Schicksal deutscher Kriegsgefangener[1] findet sich ein Bild deutscher Offiziere in sowjetischer Kriegsgefangenschaft bei der Mahlzeit. Banderolen mit einem Zitat von Karl Marx begleiten das karge Mahl:
„Ein Volk, das andere Völker unterdrückt, kann niemals selbst frei sein. Ein Volk, das andere Völker versklavt, schmiedet seine eigenen Ketten.“
Die gegenwärtige russische Elite täte gut daran, sich diese politische Lehre in Erinnerung zu rufen. Die Invasion der Ukraine durch Russland hat jene Ängste wieder wachgerufen, die sich aus den imperialen Versuchungen der russischen Geschichte ergeben. Nicht nur die Polen, sondern auch die baltischen Länder, Finnland, Moldawien sowie Georgien und Aserbaidschan fürchten Russland. Denn russische Soldaten kamen stets zu ihnen, um zu bleiben.

Gehört diese Versuchung der Imperialität zum Wesen Russlands? Der bekannte Ökonom Prof. Schönfelder sprach in seinem Buch über Russlands ökonomische Schwierigkeiten vom „Fluch des Imperiums“[2]. Damit hat er nicht nur ökonomisch Recht, sondern liegt auch politisch richtig.
Imperialität ist nicht nur für die Nachbarstaaten des jeweiligen Imperiums ein Fluch. Vielmehr ist imperialer Ehrgeiz mit internationaler Stabilität unvereinbar. Nicht nur die Nachbarn leiden darunter. Auch das Imperium kann seinen Herrschaftsanspruch nur aufrechterhalten, wenn es das eigene Volk belügt. So geschehen in Nazi-Deutschland, so wiederholt in Putins neo-sowjetischem Russland.
Die Verteidigung gegen die militärische Aggression Russlands in der Ukraine hat somit einen großen strategischen Zweck: das große russische Volk davon zu überzeugen, dass Größe nichts mit Imperium zu tun hat. Und dass ein Volk, das andere Völker überfällt, in der Tat seine eigenen Ketten schmiedet. Karl Marx hatte Recht.[3]
Darf also die Hoffnung keimen, dass das Blutvergießen zwischen Russen und Ukrainern einen Weckruf der Freiheit in Russland auslöst?
Mögen alsbald die Russen begreifen, dass sie erst dann als großes Volk wahrgenommen werden, wenn ihre Nachbarvölker ohne Angst sondern mit Respekt und Zuneigung von ihnen sprechen.
Mögen die Russen der Welt beweisen, dass sie auf Imperialität zu verzichten verstehen. So wie die Deutschen nach 1945. Es würde nicht nur den Frieden sichern, sondern den Wohlstand fördern.
[1] Overmann, Soldaten hinter Stacheldraht, München 2002 S. 142 ff
[2] Schönfelder, Der Fluch des Imperiums, Edition Europolis, Berlin 2022
[3] Dies stimmt, obwohl der Beleg des Marx Zitats nicht einwandfrei ist.
Über den Autor: Markus C. Kerber, geb. 1956, ist Professor für Finanzwissenschaft und Wirtschaftspolitik an der TU Berlin. Gründer des Instituts für Verteidigungstechnologie und Geopolitik, Berlin, und der Edition Europolis. Letzte Buchveröffentlichung: Führung und Verantwortung. Berlin 2023.
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