top of page

Martha Winterstein: REZENSION ZU RALF M. RUTHARDT: DAS LAUTE SCHWEIGEN DES MAX GRUND

Ein erstaunlicher kleiner Erstling hat da die Bühne betreten. Der Autor hat gar nicht erst versucht, bei einem etablierten Verlag zu reüssieren. Er veröffentlichte seinen „Roman“ selbst und rief zu diesem Zweck die Edition PJB ins Leben. Das Kürzel steht für sein Aufforderung: Politik-ja-bitte!

 „Das laute Schweigen des Max Grund“ will „sein Beitrag zur Meinungsvielfalt und ein höflicher Appell zum wohlwollenden, differenzierenden Diskurs sein“, wie sich seiner Homepage entnehmen läßt. Das ist eine treffliche Selbstcharakterisierung. Der Unternehmer Ralf M. Ruthardt hat sich nicht weniger vorgesetzt als eine Zusammenschau der wichtigsten problematischen politischen Themenfelder im Deutschland der Gegenwart zu liefern, ohne einen Sachtext oder einen Essay zu verfassen. Die Wahl des fiktionalen Mittels gibt ihm die Freiheit, einem Gedankenstrom in der Alltagssprache zu folgen und diese grüblerischen Ergüsse an ein fiktives Berufs- und Privatleben zu koppeln, so daß sie nicht verkopft, sondern erfahrungsgesättigt wirken. Seine Recherchen zu den verschiedenen Sachgebieten fließen spielerisch in die scheinbar spontanen Überlegungen ein. Ein geschickter Prosatext!



Daß dennoch ein Roman in Anführungsstrichen herausgekommen ist, liegt daran, daß der Autor mit Namen und Hausnummern aus der Echtwelt arbeitet, also die Dimension der Verfremdung, die bekanntlich einem Erkenntnisprozeß Tiefe verleiht, fehlt. Ein besorgter Bürger stellt Fragen und erwägt Antworten. Er meint, aus seiner Zuschauerrolle heraustreten zu müssen, da die Lebensbedingungen, die bislang als gegeben betrachtet werden konnten und deren Erhalt kein Engagement eines Max Mustermann erforderten, im Erodieren begriffen sind, so daß die Politik machtvoll in das Privatleben fast jedes Einzelnen eingebrochen ist.


Der Romanheld nimmt das Wort „Widerstand“ nicht in den Mund – das klänge schon wieder nach einer politischen Richtung. „Er möchte im Hier und Heute etwas Konstruktives tun, ohne sich dabei auf der Straße festzukleben, vegan zu werden, Tomatensuppe über Kunst zu schütten, sein Geschlecht zu ändern oder Pflastersteine auf Polizeiautos zu werfen.“ (S. 17) Denn neuerdings muß er immer wieder daran denken, was sein Geschichtslehrer den Schülern mit Nachdruck auf den Weg gegeben hatte: „…zunächst werden es wieder Wenige sein, die lautstark Druck auf die Mehrheit der Gesellschaft ausüben. Sie werden sagen, was gut und richtig ist. Es werden Slogans sein, die einer Ideologie folgen. Zunehmend werden die Leute sich davon begeistern lassen, weil es sich auf den ersten Blick [sic!] gut anhört. Man wird nach kurzer Zeit anfangen, nicht das zu sagen, was man denkt, sondern zu schweigen. Die Medien und große Teile der Politik werden mitmachen, weil sie es für das Richtige halten oder sich persönliche Vorteile davon erhoffen. Andere werden schweigen, weil sie sich nicht sicher sind oder weil sie nicht darüber nachdenken. Zu viele werden schlussendlich aus Furcht oder Angst den Mund halten und hoffen, dass es nicht so schlimm kommen wird, wie zu befürchten ist.“ (28)


Abgesehen davon, daß wir hier ein Beispiel für die fehlende Distanz des Autors zum Medienjargon vorliegen haben – „Politik“ anstelle von „Politiker“ – faßt diese Ansprache die sozialpsychologische Situation in der Gegenwart gut zusammen. Doch bevor er zur Tat schreitet, von der er noch nicht weiß, wie sie sinnvollerweise aussehen könnte, macht der „Held“, der sich selbst als „liberalen, wertkonservativen und ökologisch verorteten Bürger“ (39) charakterisiert, eine Bestandsaufnahme. Zeit und Raum für bessere Debatten und differenzierte Diskurse wünscht er sich – um der Demokratie willen. Also geht er schon mal in Vorleistung.


Er argumentiert neutral, nüchtern, ja nahezu puristisch-logisch, deckt Ungereimtheiten auf, bringt Absurditäten auf den Begriff, benennt  Unglaubwürdigkeiten, hin und wieder äußert er auch mal einen Verdacht oder eine Vermutung. Überhaupt kritisiert er die gesellschaftlichen Zustände wachen Sinns und eher mit dem Unterton der Fassungslosigkeit als dem der Wut und Ohnmacht.

Beginnend mit der durch eine Ideologie eingeschränkten Meinungs- und Denkfreiheit und der Rolle der gleichgeschalteten Mainstreammedien, die Rezipienten „mit moralisierenden Argumenten penetrierten“ (vgl. 43), dekliniert Ruthardt der Reihe nach zahllose krisenhafte Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens durch, über die man schweigen sollte, wenn man deren offiziöse Interpretation nicht teilt: das Gendern, die AfD-Dämonisierung (es gebe keinen öffentlich-rechtlichen Auftrag, das Böse und Menschenverachtende zu Wort kommen zu lassen, läßt der Autor ein Talkshow „Moderierendes“ sagen), der betrübliche Werdegang der grünen Partei, politisch korrekte Sprachzensur, destabilisierende Wirtschaftspolitik und Unternehmensflucht, inkompetente EU-Politiker, fragwürdige Corona-Politik, die fehlende Legitimierung der Weltgesundheitsorganisation, moralischer Kolonialismus, unwürdiger und destruktiver Umgang mit Rußland, marode und veraltete Infrastruktur, maßloses Bürokratiewachstum, beängstigende Energiepolitik, Erziehungsverlagerung auf die überforderten Schulen, ideologisch fehlgeleitete, bigotte Klimapolitik, stetig ansteigende Auswanderung und konzeptionslose Laissez-faire-Migration ohne Auflagen für Einwanderer bei Ignoranz ihrer vielfachen Aggressivität und des damit einhergehenden Sicherheitsverlustes...


Das ist ein veritabler Rundumschlag und eine wahre Fleißarbeit. Wenn man allerdings liest, was aus Max Grunds Sicht die Not wenden würde, fühlt man sich an das einst aufrüttelnde Plädoyer von Ulrich Wickerts Buch „Der Ehrliche ist der Dumme“ von 1994 oder an Präsident Herzogs „Ruck-Rede“ von 1997 erinnert: „Es muß wieder auf Treu und Glaube, unter dem Gesichtspunkt von Anstand und Würde machbar sein, daß Unternehmer und Arbeitnehmer, dass Beamte und staatliche Angestellte ihren Pflichten nachkommen.“ (108) Es brauche Politik im Interesse der deutschen Bevölkerung. Es brauche Moral (und der Autor meint die bürgerliche, „alte“ Moral, nicht die der Wokeness) und ein faires Miteinander. „Max wird klar, daß es eines konstruktiven Aufbegehrens, einer Kraftanstrengung, eines staatsbürgerlichen Sich-Aufopferns bedarf, um wieder zu demokratischen Grundfesten zurückzukommen.“ (77)


Zu solchen Appellen kann man nur gelangen, wenn man die Ursachen für das geschilderte gesellschaftliche Desaster in Verhalten oder Charakter einzelner Menschen zu finden glaubt: Wunsch und Streben von Einzelnen nach überproportional mehr Ansehen, Vermögen und Macht. (23) Gier und Macht als globale Phänomene. (24) Opportunismus und Einfältigkeit in Politik und Medien. (26) Machthunger bei den Grünen. (31) Gemeinsinn und faires Miteinander im Kampf mit rücksichtslosen, egozentrischen und brutalen Menschen (33). Die meisten Menschen sehen in ihrem Beruf keine Berufung mehr und streben ersatzweise nach Ansehen und Geld. (37) Führungskräfte auf allen Ebenen klebten an ihren Stühlen. (47) Funktionsträger machen ihre wirtschaftliche Existenz von der Politik abhängig und sind nicht mehr frei. (83) Ideengeber für eine bessere Welt scheitern an der Komplexität der Themen. (96) Vielen Politikern geht es nur um mediale Wahrnehmung und öffentliche Zustimmung. (105) Politiker könnten erpreßbar sein. (106) Politische Funktionsträger müssen nicht nach zwei Legislaturperioden zurück ins reguläre Arbeitsleben (110). Viele Politiker haben nie zuvor „einen volkswirtschaftlichen Wald aufgeforstet“ (119). Volkswirtschaftliche Selbstzerstörung ist psychotisch. (129) Rechthaberei und ideologische Verblendung (135). Weltfremdheit (156). Angst, Selbstschutz, vorauseilender Gehorsam (164). Fehlende Distanz zwischen Journalismus und Politik, fehlende Berufsethik (165). Diensteifer, Opportunismus (172f.) und immer wieder: Inkompetenz.


Man sieht, da gibt sich jemand wirklich Mühe, den Ursachen der gegenwärtigen deutschen Malaise auf den Grund zu gehen. Und mit keinem seiner Argumente liegt der bekennende „Overthinker“ Max wirklich falsch. Nur fügt er leider den genannten Mahnungen und Aufforderungen aus den neunziger Jahren keine Erkenntnis hinzu. Er bleibt auf der ersten Ursachenebene stehen, also fast noch an der Oberfläche. Wollte man auf die Höhe der Zeit und ihrer Erkenntniserfordernisse gelangen, müßte man nach den Zusammenhängen der genannten Phänomene untereinander und deren Ursachen fragen. „Es drängt sich der Eindruck auf, als ob Regierende in kurzer Zeit ohne Rücksicht auf die Dimensionen von Verlust an Wohlstand und an Funktionsfähigkeit des Staates und unserer Demokratie ihre Agenda durchziehen.“ (135) – Bravo: hier wird es schon wärmer! Doch dann kehrt Max um. Bloß keine Verschwörungstheorien!


Da stellt sich die Frage: Geht der Autor mit der Haltung von Professor Bömmel an die Problemsichtung heran „Da stelle wir uns mal janz dumm“, weil er eine öffentliche Diskussion initiieren will, an der alle Glaubensrichtungen teilnehmen sollen und können? Oder bleibt er mittelwegs stehen, weil er sich nicht anlegen will mit der politisch korrekten Inquisition? Oder ist er den unabhängigen Medien bislang aus dem Weg gegangen, um seine Unschuld nicht zu verlieren? Denn diese thematisieren seit Jahren die Einflußnahme von UN, NGOs, dem WEF, von Blackrock oder der Environmental, Social and Corporate Governance (ESG) auf die politischen Entscheidungen zahlreicher Regierungen. „Ihre Agenda“ ist tatsächlich keine Erfindung von Annalena Baerbock, Robert Habeck, Olaf Scholz oder auch Friedrich März. Mögen die genauen Zusammenhänge und Wirkungsmechanismen auch noch nicht vollkommen verstanden sein – alternative Medien wie apolut, The Epoch Times, Manova, Multipolar, Nachdenkseiten, Tichys Einblick oder TUMULT, um nur einige zu nennen, betreiben schon seit vielen Jahren Gegenwartsanalyse und tragen in mühevoller Kleinarbeit Daten und Informationen zusammen, um die Mechanismen unserer postneoliberalen Ära nachvollziehen und verstehen zu können. Vom Establishment werden ihnen nicht von ungefähr immer wieder Steine in den Weg gelegt. Und dabei wird es wohl nicht bleiben.


Nein, Herr Ruthardt, Ihrem Max Grund wird nicht die Ehre zuteil werden, „abgeholt“ zu werden, wie Sie es am Ende Ihres Romanes behaupten. Dafür sind seine Gedankengänge unter dem Strich zu harmlos. Eine Leseempfehlung erteile ich daher nur den Newcomern auf dem Gebiet der Gesellschaftskritik. Als Geschenk an gutmütige Ignoranten ist das Büchlein hingegen geeignet: Es führt nicht notwendigerweise postwendend zur „Entfreundung“, aber öffnet das Fenster der Erkenntnis einen kleinen Spaltbreit. Höflich und wohlwollend – da hat der Autor recht.


Ralf M. Ruthardt: Das laute Schweigen des Max Grund. Edition PJB 2023. 220 S., 23 €


*


Hier können Sie TUMULT abonnieren.

Für Einzelbestellungen klicken Sie bitte hier. 

Comments


bottom of page