Rainer Willert: Unoptimiert, was soll das? Meditation über sich Entwickelndes

Der Zeit hinterherrennen war gestern. Der Entwicklung, den Verwicklungen gestaltend voraus sein, an den Stellschrauben drehen, bestimmen, was die Entwicklung sein, wo genau sie hin soll: das hat Zukunft, das ist Zukunft. In der kann, wer sie einmal den Menschen glaubhaft gemacht hat, schalten und walten wie er will. „Hier sitze ich“, spricht die mit dem Digitalen verbandelte Macht, „(in)formiere Menschen nach meinem Bilde, mache, was kommen wird, habe die Narrative, die Medien, die institutionelle Definitionsgewalt, die Wissenschaften gekapert und die Politik erpressbar, mir hörig gemacht. Die Meinungen, das Wollen, das Werden – das bin ich! Auf dass meine Macht wirke. Weltweit, simultan.“ Der monopolistische Traum von der Ausschaltung der Konkurrenz wird wahr. Wettbewerb ade. Kein Platz mehr für das einfältig gelobte Gegeneinander der Konkurrenz-Situation, die noch da ist, aber nur noch als geistloses Geplänkel, sinnfreie Vergeudung von Energie.


CC0 1.0

Epoche der Künstlichkeit


Die Epochenwende vollzieht sich, und zwar anders als die vorherigen. Die Erfassung der Menschheit von den technoiden Strömen des Computerzeitalters erfolgt radikal, weil umfassend und in Echtzeit. Während frühere technische Umwälzungen schrittweise über die Menschheit kamen, Zeit brauchten, erst in einzelnen Sektoren, Teilen der Industrie, des Militärs, des Verkehrswesens wirkten und mit ihren Folgen das gesellschaftliche Leben nicht gezielt, sondern indirekt und langfristig berührten, zeigt sich dieses Mal: Es geht schneller und radikaler! Es geht ums Ganze, um das Menschliche an sich, denn der Mensch hat Konkurrenz bekommen. Eine künstliche.


Betreute Optimierung


Die Fähigkeit des bisherigen Menschen, jener „Krone der Schöpfung“, sich aus sich selbst heraus zu entwickeln, zu verbessern, verantwortungsvoll, einsichtig verhalten zu können, ist in Abrede gestellt. Mängelbehaftet, ungenügend gerüstet sei das menschliche Wesen, attestiert ihm die Digitalkultur und dekretiert: „Schluss damit, Mensch! Schluss mit deiner Hybris! Vulnerabel bist Du.“ So spricht die Digitalkultur und verordnet die betreute Optimierung.

Teil eins der betreuten Optimierung zielt auf die geistige Befreiung. Befreiung aus den Klauen einer kruden, in Unwissenschaftlichkeit gefangenen Unmittelbarkeit. Teil zwei der betreuten Optimierung dient der physischen Gesundung. Abschaffung des körperlichen Verfalls.


Vollendung der Evolution


Vor allem diese Körper! Hier muss Gesundung her, um die vom evolutionären Zufall angekränkelte Körperlichkeit auf eine höhere Stufe zu heben. Weg mit den lästigen Gebrechen und Schwächen überhaupt, hin zu gestalteter Perfektion. Auf zur Vollendung der Evolution – aber ohne lästig verschwenderische Umwege über zeit- und kräfteraubende Interventionen der launischen Natur. Betreut optimiert reibt der Mensch sich die Augen. Wie klar plötzlich alles ist! Oben ist oben, unten ist unten. Statt Meinungen, Ansichten, chaotischen Gefühlen herrscht der Zweck. Der Zweck ist der Sinn. Jeder ist (scheinbar) jeder. Zeitlose Zeit. Weggefegt sind Sorge und Furcht, Sünde und Schuld. In allen Sprachen erklingt ein einziger Chor: „Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke.“ Und so geht es weiter. Aus Dystopie wird Utopie. Orwell vom Kopf auf die Füße gestellt. Ozeanien ist schön. Ozeanien ist überall. Ozeanien ist Einheit.


Noch nicht jetzt


Noch ist dieser Chor Phantasie. Noch, wenn man herumblickt, funktioniert die Welt nach altem Muster. Noch lassen sich die Völker im Inneren mit äußeren Feinden und Gefahren einen. Noch nützen Scheitern und Leiden der Einen zur Disziplinierung und Abschreckung der Anderen. Noch taugt das Pochen auf Individualismus und Selbstbestimmung der einen den anderen als der Beweis ihrer unsolidarischen Kälte. Noch hat das Unwissen der Vielen keine Auswirkungen, solange deren Glaube an Kompetenz und Integrität ihrer Führung anhält. Noch gilt Krieg als legitimer Erzeuger von Frieden. Noch ist unentschieden, wohin die Reise geht.


Mehr zum Autor Rainer Willert, zu seinen Denkbewegungen und Lebenslinien finden Interessierte auf der Webseite http://rainerwillert.de