Thomas Hartung: "ARBEIT AM SOZIALEN FRIEDEN"

Die minderheitenfreundlich getarnte Einmischung in die inneren Angelegenheiten Ungarns einerseits – die Feigheit vor tatsächlich homophoben Nationen andererseits: Nie entlarvten sich Doppelmoral und Gratismut westlicher Dekadenz besser als unter dem Symbol des Regenbogens im „Pride Month“.



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Da verabschiedete sich also der selbsternannte Moralweltmeister namens „Die Mannschaft“ sang- und klanglos von der „Euro 2020“ just mit dem Ende jenes „Pride Month“ Juni, der alles und jeden, ob gewollt oder nicht, mit einer quietschbunten Regenbogensoße übergoss: Die Größe der Gesten durfte locker die Zahl der Tore übersteigen – auch wenn es nur mit letzteren etwas zu gewinnen gab. „Es ist mir unerträglich, dass sich als deutscher Staatsbürger und Sportpolitiker mein Bedauern über das Ausscheiden in Grenzen hält“, ärgerte sich der sportpolitische AfD-Fraktionssprecher Baden-Württembergs Hans-Peter Hörner MdL. „Es besteht die reale Gefahr, dass die Regenbogenflagge am Ende mehr polarisiert als zusammenführt“, muss selbst die Geschäftsführerin der International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association ILGA, Evelyne Paradis, im ipg-journal zugeben.


Der Monat, der eigentlich an die Krawalle nach der Polizeikontrolle der Schwulenbar „Stonewall Inn“ in der Christopher Street in New York am 28. Juni 1969 erinnern soll, hat sich längst seinem Ursprung entfremdet, ja mehr noch: „Der Beschwörungs- und Betroffenheitshumanismus der Meinungsindustrie ist gar kein Humanismus. Er ist die radikale Verkehrung in sein Gegenteil“, wird Monika Hausammann im Schweizer Monat sehr deutlich. Aus der Debatte um die Sichtbarmachung/Gleichberechtigung nichtheterosexueller Menschen, die selbst bei wohlwollender Schätzung (2016) höchstens 7,4 % der deutschen Bevölkerung stellen (noch bei EMNID waren es 2000 gerade mal 1,9 %), ist die identitätspolitische Politisierung, ja ökonomische Funktionalisierung einer Minderheit geworden, die langsam pathologische Züge annimmt.


Die Verlogenheit der Marketingperspektive tritt schon allein dadurch zutage, dass Autohersteller wie BMW, Audi oder VW, aber auch andere Firmen wie Siemens, für den „Pride-Monat“ ihre Logos mit den Farben des Regenbogens unterlegten – die arabischen Länder, in denen Homosexualität unter Strafe steht, jedoch ausließen: Man spricht vom „virtue signaling“, also dem bloßen Zurschaustellen der eigenen Tugendhaftigkeit. DFB-Kapitän Manuel Neuer sitzt mit seiner Regenbogen-Binde vor einer Sponsoren-Wand mit dem Logo von Qatar Airways - die Staatsairline jener absoluten Monarchie, in der Homosexualität als „Sodomie“ verboten ist und unter Gefängnisstrafe steht. Ob er die Binde nächstes Jahr auch zur WM in Qatar trägt?


Regenbogen-Marketing nur da als „mutiger“ Protest, wo er allgemein gefeiert wird. Das ist so, als würde man sich bei jeder Gelegenheit auf die Lehren des Holocaust berufen, nur wenn Juden in Deutschland in Gefahr durch Islamisten sind, dann…


Der „Pride Month“ stellt die Doppelmoral in der westlichen Welt zur Schau. Hierzulande schmückt man sich mit Gratismut, propagiert eine Einstellung, der wirklich nur ein minimaler Teil der Bevölkerung widerspricht. Wo Schwulenrechte sowieso gelten und sogar die „Ehe für alle“ möglich ist, da kämpft man gegen Homophobie. Dort, wo Schwule inhaftiert, gefoltert, hingerichtet werden, ist man hingegen brüllend still: Pinkwashing, ja Queerbaiting. Da toben Linke natürlich, dass sich auch die europäische Agentur für Grenz- und Küstenwache Frontex unter dem Regenbogen niedergelassen hat: sie sorge dafür, dass unzählige Menschen dorthin zurückkehren mussten, wo sie verfolgt wurden - etwa für ihre sexuelle Orientierung, oder ihre Hautfarbe, empört sich Simone Meier auf dem Portal watson.



„Dieses Gesetz ist eine Schande“


Die identitätspolitische Perspektive setzte dieser Doppelmoral dann sowohl diplomatisch als auch sportlich die Krone auf. Anlass war ein Gesetz der ungarische Regierungspartei Fidesz zu einem Werbeverbot für Geschlechtsumwandlungen und Homosexualität unter Minderjährigen. Demnach sollen künftig sogenannte Bildungsprogramme und Werbung von Großunternehmen, die sich mit Homosexuellen solidarisieren, verboten werden. Wie könnten auch Hunderttausende kleiner Ungarn zu verantwortungsbewussten Frauen und Männern werden, ohne wie ihre deutschen Nachbarn schon im Kindergarten mit Büchern wie „Murat spielt Prinzessin, Alex hat zwei Mütter und Sophie heißt jetzt Ben“, Drag-Queen-Vorlesestunden oder Theaterstücken über Analsex beglückt zu werden, ergötzt sich David Bendels in der Jungen Freiheit JF. Nach einem im Dezember angenommenen Gesetzespaket, das gleichgeschlechtlichen Paaren die Adoption von Kindern verbietet, ist dies ein weiterer Schritt der ungarischen Regierung, der international für Empörung sorgt.


Ein Bündnis verschiedener Nichtregierungsorganisationen, darunter auch Amnesty International, warf Ungarn eine Beschneidung der Meinungsfreiheit und der „Kinderrechte“ vor: „Die Regierung wendet sich gegen ihre eigenen Bürger, indem sie dem Beispiel Russlands oder Chinas folgt.“ Der Redaktionsleiter des ARD-Magazins Monitor, Georg Restle, regte an, dass der DFB beim Spiel der deutschen Nationalelf am 23. Juni gegen Ungarn Regenbogenflaggen als Zeichen der Unterstützung von Homosexuellen verteilen solle. „Ihr seid doch so für Diversität. Wie wär`s: Eine Regenbogenflagge für jeden Fan im Stadion? Dann kriegt das auch Herr Orbán mit“, schrieb Restle auf Twitter. „Wollen wir auch eine eigene Farbsprache für Raucher, Veganer oder Mobbingopfer etablieren“, fragte Baden-Württembergs AfD-Fraktionschef Bernd Gögel MdL.


Bei dem Turnier stellte sich Ungarn von Anbeginn gegen den Strom: Anders als beispielsweise die Nationalelf von England kniete sie vor dem Anpfiff nicht nieder. Mit der Geste, die sich durch die „Black Lives Matter“-Bewegung weltweit verbreitete, protestieren seit rund zwei Jahren Sportler gegen angeblichen Rassismus. Prompt fuhr auf das Land ein geballtes europäisches Unwetter nieder: „Dieses Gesetz ist eine Schande“ vergriff sich EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Ton, gab damit aber den Tenor der Debatte vor. Rund die Hälfte der 27 EU-Staaten einschließlich Deutschland forderte die Europäische Kommission auf, umgehend dagegen vorzugehen.


Laut Ministerpräsident Viktor Orbán richtet sich das Gesetz nicht gegen Homosexuelle, auch werden sexuelle Minderheiten in seinem Land nicht diskriminiert: „Im kommunistischen Ungarn wurden homosexuelle Menschen verfolgt. Heute garantiert der Staat nicht nur die Rechte von Homosexuellen, sondern er schützt sie aktiv. Die Freiheit des Einzelnen ist das höchste Gut.“ Jeder Mensch müsse sich „fraglos“ frei für seinen Lebensweg entscheiden dürfen. Die Aufklärung heranwachsender Kinder gehöre aber ins Elternhaus. „Wir schützen diese Aufgabe der Eltern“, sagte Orbán.


Dieser Streit verknüpfte sich natürlich mit der Debatte um die Regenbogenbeleuchtung des Münchner EM-Stadions. Orbán appellierte an die deutsche Politik, das UEFA-Verbot für eine Beleuchtung des Münchner EM-Stadions in Regenbogenfarben zu akzeptieren. Denn die Europäische Fußball-Union UEFA hatte einen Antrag von Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) abgelehnt, die Münchner Arena beim Spiel der deutschen Mannschaft in Regenbogenfarben zu erleuchten. Sie sei „aufgrund ihrer Statuten eine politisch und religiös neutrale Organisation. Angesichts des politischen Kontextes dieser speziellen Anfrage - eine Botschaft, die auf eine Entscheidung des ungarischen Parlaments abzielt - muss die UEFA diese Anfrage ablehnen“. „Ob das Münchner Fußballstadion oder ein anderes europäisches Stadion in Regenbogenfarben leuchtet, ist keine staatliche Entscheidung“, bekräftigte Orbán gegenüber dpa. Prompt erfuhr auch die UEFA einen minderheitsfeindlichen Shitstorm.



„Gratis-Mut ist überhaupt kein Mut“


Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wollte „das nicht bewerten“. Sie könne nur feststellen, dass die UEFA einen Unterschied mache zwischen der Stadionfrage und einer Binde in Regenbogenfarben, wie sie der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, Manuel Neuer, trägt. Sie verschwieg, dass die UEFA daraufhin gegen ihn ermittelte, da die Armbinde als politisches Zeichen verstanden werden könnte. Die Regenbogenbinde werde „als Zeichen der Mannschaft für Vielfalt und damit für einen ,good cause‘ (guten Zweck) bewertet“, teilte der DFB via Twitter mit, nach dem die Ermittlungen eingestellt worden waren. Auch zu dem ungarischen Gesetz fand die Bundeskanzlerin deutliche Worte: „Ich halte dieses Gesetz für falsch und auch mit meiner Vorstellung von Politik nicht vereinbar.“ Wenn Ungarn homosexuelle Lebenspartnerschaften einerseits erlaube, aber die Aufklärung darüber einschränke, habe das auch mit der Freiheit von Bildung zu tun und sei für sie etwas, dass sie politisch ablehne.


Auch die FDP-Bundestagsfraktion schloss sich an. Auf Twitter fordern die Liberalen, dass bei Treffern der deutschen Mannschaft Lieder mit Homosexuellen-Bezug eingespielt werden sollen – so zum Beispiel „YMCA“ von den Village People oder „I want to break free“ von Queen. Es war die FDP, die bereits die Beleuchtung der Allianzarena in München gefordert hatte – nach Willen der Freien Demokraten soll nicht nur um, sondern auch auf dem Platz politisiert werden. Schon die politische Kritik am Gesetz der Regierung Orbán ist etwas, das in eine Botschaft oder ein politisches Gremium, nicht aber auf einen Fußballplatz gehört. Doch die FDP im Bundestag will noch über Kritik hinausgehen: Jedes deutsche Tor soll umfunktioniert werden zu einem Schuss auf Budapest und die ungarische Politik, jeder Treffer auch eine Demütigung des ungarischen Staates werden.

Denn schwule Torhymnen wären nichts anderes als eine Umdeutung jedes deutschen Tores zu einem politischen Triumph gegen die Ungarn. Von einer EM als Völkerfest bleibt so nicht mehr viel übrig – die Ungarn, die als Gäste zu uns kommen, sollen durch die sich selbst als moralisch überlegen sehenden Deutschen vorgeführt werden. Und ausgerechnet die „Europapartei“ FDP ist an vorderster Front dabei, wenn es darum geht, Zwietracht zu säen. Passend dazu werden die Ungarn während ihrer Nationalhymne ausgepfiffen. Auch Gögel stört an dem Münchner Antrag vor allem die Arroganz, ein Land zu demütigen. Der Stadtrat maße sich an, einem souveränen Staat mit eigener Gesetzgebung seine Moral vorzuschreiben: „Dieses zwanghafte ‚Haltungzeigen‘ zu natürlichen Gegebenheiten politisiert und spaltet die Gesellschaft“.


Das muss selbst Paradis zugeben: „Wenn zugelassen wird, dass die Flagge und die LGBTI-Rechte zum Sinnbild einer ‚Wir gegen die‘-Debatte gerät, wird dabei nichts Gutes herauskommen.“ So gab Polen bekannt, dass es an einem Anti-LGBTI-Gesetz nach ungarischem Zuschnitt arbeite. „Wenn wir die Regenbogenflagge dazu benutzen, ganze Länder an den Pranger zu stellen, tragen wir vielleicht unabsichtlich zur Isolierung der LGBTI-Personen in Ländern wie Polen und Ungarn bei, statt Menschen zusammenzubringen, die sich für Gleichberechtigung starkmachen“, erkennt Paradis und kommt zielsicher auf den Punkt: „Eine Flagge zu schwenken ist viel einfacher, als sich darüber klar zu werden, wie man … Finanzregularien so ändern kann, dass LGBTI-Aktivisten in Ländern wie Ungarn, Polen und Bulgarien leichter an die Gelder kommen, die sie brauchen.“ Gelder? Soso.

Auch von kirchlicher Seite regte sich Kritik. „Jeder, der nicht der Gender-Ideologie mit ihren 1000 Fantasy-Geschlechtern der sogenannten Homo-,Ehe‘ und der Indoktrinierung von unschuldigen Kindern zustimmt, wird an den Pranger gestellt, ausgegrenzt und muss mit gesellschaftlichen und beruflichen Nachteilen rechnen. In so einer Zeit ist es sehr unangebracht, diese Fahne zu hissen“, erklärte Patrick Martin, Diakon beim Erzbistum Bamberg, auf Facebook. „Gratis-Mut ist überhaupt kein Mut. Sondern nur da zur eitlen Selbstbeweihräucherung – hier in Form von Selbstbeleuchtung“, knirscht Fritz Goergen auf Tichys Einblick TE mit den Zähnen.


„Aus einem Fußballspiel gegen Ungarn