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Thomas Hartung: DIE VERWIRUNG IST PROGRAMM

vor 3 Minuten
9 Min. Lesezeit

„Wir schaffen das“, „Wir sind mehr“, „Wir haben Platz“: Ein kleines Personalpronomen reifte zur großen politischen Universalformel – und behauptet Gemeinschaft, ohne sie tatsächlich zu stiften.





Einmal wird man die Geschichte der Bundesrepublik vermutlich nicht nur anhand ihrer Gesetze, Krisen und Regierungswechsel erzählen, sondern auch anhand ihrer Wörter. Jede Epoche besitzt ihre charakteristischen Begriffe, ihre moralischen Losungen und sprachlichen Erkennungszeichen. Die Nachkriegszeit kannte den Wiederaufbau, die siebziger Jahre die Emanzipation, die neunziger Jahre die Globalisierung. Das auffälligste politische Wort der vergangenen zehn Jahre aber war weder Freiheit noch Gerechtigkeit, weder Wahrheit noch Verantwortung. Es war überhaupt kein Substantiv.


Es war viel kleiner, viel fasslicher und viel energischer: Wir. Kaum ein Wort, ein Pronomen zumal, hat seit 2015, seit Angela Merkels legendärem Auftritt, eine vergleichbare Karriere hingelegt. Das „Wir“ begegnete dem Bürger überall: auf NGO-Plakaten und Unternehmenskampagnen, auf Bühnen politischer Demonstrationen, in Leitartikeln, Werbespots und Schulprojekten. Es erschien in immer neuen Variationen, blieb aber seiner Grundstruktur treu. „Wir schaffen das.“ „Wir sind mehr.“ „Wir sind bunt.“ „Wir sind unteilbar.“ „Wir stehen zusammen.“ „Wir bleiben zuhause.“ usw. usf.


Wer meint, diese Beobachtung betreffe lediglich die großen Kampagnen der vergangenen Krisenjahre, braucht nur einen Blick auf den Spätsommer 2026 zu werfen. Im Rhein-Erft-Kreis wirbt eine interkommunale Klimaschutzinitiative unter dem Slogan „Jetzt machen WIR“ für ökologisches Engagement. Im Saarland fährt die Antidiskriminierungskampagne der Saarbahn unter dem Motto „Wir heißt Alle!“. „Mehr wir“ lautet seit kurzem die Devise des „Mädchen*netzwerks Baden-Württemberg“.


Und in der Metropolregion Rhein-Neckar ruft die Aktion „Wir schaffen was“ Bürger, Unternehmen, Schulen und Kommunen zu den bereits 10. Freiwilligentagen im September auf. Unter den Hashtags #wirschaffenwas, #wirschaffenvielfalt und #wirschaffendemokratie sollen laut Internetseite Freiwillige, Organisationen, Unternehmen, Kommunen und Schulen gemeinsam zeigen, „wie vielfältig gemeinnütziges Engagement ist“.


Universelles politisches Betriebssystem


Die Anliegen unterscheiden sich: hier Klimaschutz, dort Antidiskriminierung, andernorts Ehrenamt und Bürgerengagement. Und doch scheint überall dieselbe kommunikative Schablone über die Wirklichkeit gelegt zu werden. Gerade diese Austauschbarkeit macht die Causa interessant. Das „Wir“ fungiert längst nicht mehr als Beschreibung einer vorhandenen Gemeinschaft, sondern als universelles politisches Betriebssystem.


Ganz gleich, ob es um Klima, Integration, Gesundheit, Vielfalt, Ehrenamt oder Demokratie geht – stets erscheint dieselbe sprachliche Architektur. Das jeweilige Sachthema tritt dabei fast in den Hintergrund. Entscheidend ist die symbolische Botschaft: Hier ist wir, hier befindet sich die Gemeinschaft, die moralisch erwünschte Richtung, der Raum des Guten. Das eigentliche Argument liegt nicht mehr in der Sache, sondern in der Zugehörigkeit. Wer Teil des „Wir“ sein möchte, soll sich mitbewegen. Die politische Frage lautet dann nicht mehr: „Ist das richtig?“, sondern mehr und mehr: „Gehörst du noch dazu?“.


Fast könnte man meinen, Deutschland habe im vergangenen Jahrzehnt weniger politische Debatten geführt als eine einzige große sprachliche Selbstbeschwörung veranstaltet. Dabei ist das Bemerkenswerte nicht, dass von einem „Wir“ gesprochen wurde. Jede Gesellschaft benötigt ein solches Wir. Ohne ein Mindestmaß gemeinsamer Loyalität, gemeinsamer Erinnerungen und gemeinsamer Orientierung zerfällt jedes Gemeinwesen in konkurrierende Einzelinteressen. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, wer dieses Wir definiert und welchem Zweck es dient.


Zwischen Gemeinschaft und Besitz


Die bemerkenswerte Karriere des „Wir“ erschließt sich erst vollständig, wenn man einen Blick auf seine sprachliche Funktion wirft. In der Pragmatik gilt das Personalpronomen der ersten Person Plural als eines der wirkmächtigsten Instrumente sozialer Kommunikation. Anders als „ich“ oder „du“ verweist „wir“ nicht auf eine klar umrissene Person. Es bezeichnet eine Gemeinschaft und erzeugt sie zugleich. Wer „wir“ sagt, beschreibt nicht lediglich eine Gruppe, sondern lädt Sprecher und Adressaten in einen gemeinsamen Bedeutungsraum ein.


Das Pronomen besitzt eine performative Kraft: Es benennt Zugehörigkeit und produziert sie im selben Augenblick. Gerade deshalb ist das „Wir“ politisch so attraktiv. Es verwandelt individuelle Positionen in kollektive Standpunkte und verleiht ihnen den Anschein größerer Legitimität. Aus „ich denke“ wird „wir wissen“, aus einer politischen Forderung ein gemeinsames Anliegen, aus einer Meinung eine moralische Selbstverständlichkeit.


Das kleine Wort verschleiert dabei häufig, wer eigentlich spricht. Die Regierung, eine NGO, eine Partei oder ein Unternehmen treten hinter die Fassade einer scheinbar bereits bestehenden Gemeinschaft zurück. Aus einem partikularen Interesse wird ein allgemeiner Wille, aus einer politischen Option eine gemeinsame Notwendigkeit. Hinzu kommt die eigentümliche Unschärfe des Pronomens: Oft bleibt offen, wer genau gemeint ist.


Umfasst das „Wir“ die Deutschen, die Bürger, die Gesellschaft, die Menschheit? Gerade diese Vagheit verleiht dem Begriff seine besondere Integrationskraft - oder Integrationssuggestion, je nach Perspektive. Unterschiedlichste Menschen können sich angesprochen fühlen, ohne dass ihre tatsächlichen Interessen übereinstimmen müssten. Das „Wir“ wird dadurch zu einer Projektionsfläche kollektiver Identität. Es beschreibt Gemeinschaft nicht mehr nur, sondern bietet sie als kommunikatives Angebot an.


Erzeugung von Gemeinsamkeit


Noch deutlicher zeigt sich dieser Mechanismus in der deklinierten Form „unser“. Während das „Wir“ Gemeinschaft stiftet, markiert „unser“ bereits Besitz. Wer von „unserer Demokratie“, „unseren Werten“, „unserer Vielfalt“ oder „unserem Europa“ spricht, beschreibt nicht bloß einen gemeinsamen Bezugspunkt. Er reklamiert zugleich eine moralische Verfügungsgewalt über dessen Bedeutung.


Das deklinierte Personalpronomen transmutiert zum Possessivpronomen, und dieses wiederum verwandelt einen offenen politischen Raum in symbolisches Eigentum. Es suggeriert Nähe und Vertrautheit, zieht aber zugleich eine Grenze zwischen jenen, die selbstverständlich dazugehören, und denen, deren Zugehörigkeit erst noch bewiesen werden muss. In diesen beiden unscheinbaren Wörtern steckt daher bereits die ganze Ambivalenz der modernen Wir-Rhetorik. Sie integriert und grenzt aus, sie stiftet Gemeinschaft und erzeugt Konformitätsdruck, sie verspricht Teilhabe und definiert zugleich die Bedingungen der Zugehörigkeit.


Gerade angesichts der fortschreitenden Individualisierung, sozialen Diversifizierung, kulturellen Ethnifizierung und medial-digitalen Fragmentierung unserer Gesellschaft erscheint die inflationäre Beschwörung eines allgegenwärtigen „Wir“ daher weniger als Ausdruck vorhandener Gemeinsamkeit denn vielmehr als Versuch, sie sprachlich nachträglich zu erzeugen; eine eigentlich disparate Welt zum „Zusammenland“ zu erklären, ja böswillig: sie gleichzuschalten. Das „Wir“ wird nicht mehr entdeckt, sondern produziert; nicht mehr gelebt, sondern kommuniziert – man müsste fast von einem Unwort sprechen.


Das Verb als moralischer Motor 


Wer die einschlägigen Kampagnen genauer betrachtet, entdeckt eine beachtenswerte sprachliche Regelmäßigkeit: Die Grammatik ist fast immer dieselbe. Ein kollektives Subjekt tritt auf, ein einfaches Verb setzt Bewegung in Gang, und ein positiv besetztes Objekt markiert das Ziel: „Wir schaffen Vielfalt.“, „Wir leben Demokratie.“, „Wir schützen Klima.“ Die Struktur ist denkbar schlicht: Subjekt – Prädikat – Objekt; Ausnahmen bestätigen die Regel. Gerade ihre Einfachheit macht diese Struktur so wirksam.


Auffällig ist zunächst die Auswahl der Verben. Meist handelt es sich um Aktivitäts- und Erfolgsverben wie schaffen, krempeln, stehen, impfen, bleiben, danken, machen. Sie beschreiben weniger Zustände als Handlungen. Der Sprecher erscheint dadurch nicht als Beobachter, sondern als Akteur einer gemeinsamen Mission. Linguistisch gesprochen erzeugen diese Verben Dynamik und Handlungsdruck. Semiotisch verwandeln sie politische Programme in scheinbar selbstverständliche Tätigkeiten. Wer möchte schließlich nicht schaffen, machen oder danken?


Wo keine Aktivitätsverben verwendet werden, treten Hilfsverben auf: „Wir sind eins.“, „Wir haben Platz.“ Solche Konstruktionen transportieren Modalität. Sie erzeugen Notwendigkeit, Möglichkeit oder Verpflichtung. Das eigentliche politische Ziel erscheint dadurch nicht mehr als eine Option unter mehreren, sondern als etwas, das logisch aus der Situation folgt. Die politische Entscheidung wird grammatisch als Sachzwang verkleidet.


Das Objekt als moralisches Abstraktum


Noch aufschlussreicher ist die Wahl der Objekte. Es handelt sich selten um konkrete Dinge a la „Wir impfen den Weg frei“. Niemand wirbt mit „Wir bauen eine Hängebrücke“ oder „Wir reparieren das Fahrrad“. Stattdessen dominieren Abstrakta: Demokratie, Vielfalt, Zusammenhalt. Solche Begriffe besitzen keine eindeutige Bedeutung. Jeder verbindet etwas anderes mit ihnen. Gerade deshalb eignen sie sich hervorragend als Projektionsflächen kollektiver Identität.


In der Zeichentheorie würde man von Zeichen mit hoher Interpretationsoffenheit sprechen. Ihre Bedeutung bleibt bewusst weit und flexibel. Das ermöglicht eine bemerkenswerte kommunikative Leistung: Menschen mit völlig unterschiedlichen Interessen können sich unter demselben Begriff versammeln. Das Objekt fungiert dadurch weniger als politisches Ziel denn als symbolischer Sammelpunkt. Die Kampagne muss nicht erklären, was „Vielfalt“ oder „Werte“ konkret bedeuten. Es genügt, sie positiv zu besetzen und in die Grammatik des Wir einzubauen: man kann von einer Semiotik des Unbestimmten sprechen.


Gerade in dieser Kombination entfaltet sich die eigentliche Wirkung. Das kollektive Subjekt stiftet Zugehörigkeit, das dynamische Verb erzeugt Aktivität und das abstrakte Objekt verleiht moralische Legitimation. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht handelt es sich um eine hochgradig effiziente Formel sozialer Integration. Die Gemeinschaft entsteht nicht erst durch gemeinsames Handeln, sondern bereits durch den Satzbau selbst. Wer „Wir stehen zusammen für eine solidarische Gesellschaft“ sagt, beschreibt nicht nur eine Gruppe. Er erzeugt eine sprachliche Wirklichkeit, in der Gemeinschaft, Handlung und moralisches Ziel bereits miteinander verschmolzen sind. Die Vergemeinschaftung erfolgt damit nicht trotz der Sprache, sondern durch sie.


Kollektive Identitätskommunikation


Das politische Wir der vergangenen Jahre entwickelte ein befremdliches Eigenleben. Es entstand nicht organisch aus dem Alltag der Menschen, aus Familien, Nachbarschaften, Vereinen oder gewachsenen kulturellen Bindungen, sondern trat dem Bürger vielmehr als fertiges Produkt entgegen. Es wurde entworfen, gestaltet, kommuniziert und verbreitet. Das Wir war nicht mehr das Ergebnis gesellschaftlicher Wirklichkeit, sondern schwoll zu einem Instrument politischer Wirklichkeitsgestaltung.


Hier beginnt das eigentliche Problem. Die klassische Demokratie lebt vom Dissens. Sie setzt voraus, dass Menschen unterschiedliche Interessen verfolgen, verschiedene Auffassungen vertreten und konkurrierende Zukunftsentwürfe entwickeln. Demokratie ist deshalb kein Zustand moralischer Einigkeit, sondern ein Verfahren zur friedlichen Austragung von Meinungsverschiedenheiten. Die Rhetorik des allgegenwärtigen Wir hingegen folgt einer anderen Logik. Sie versucht nicht primär, politische Argumente vorzubringen, sondern Zugehörigkeit herzustellen.


Die Kommunikationswissenschaft nennt das: kollektive Identitätskommunikation. Gemeint ist damit ein Mechanismus, der so alt ist wie die Politik selbst: Menschen orientieren sich oft weniger an abstrakten Argumenten als an sozialen Gruppen. Sie wollen dazugehören, suchen Anerkennung, vermeiden Ausgrenzung. Wer diese psychologische Grundkonstante versteht, muss Gegner nicht unbedingt überzeugen. Es genügt häufig, die Grenzen zwischen Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit neu zu ziehen.


Genau darin lag die besondere Macht der großen Wir-Kampagnen. Sie präsentierten politische Positionen nicht mehr als diskutierbare Vorschläge, sondern als Ausdruck einer gemeinsamen moralischen Identität. Wer zustimmte, gehörte dazu. Wer zweifelte, geriet in den Verdacht mangelnder Solidarität. Wer widersprach, stand rasch außerhalb des moralischen Konsens‘. So entstand eine bemerkenswerte Umkehrung: Anpassung erschien als Haltung, Gehorsam als Solidarität. Konformität wurde als Mut inszeniert, und das Mitlaufen in der großen Mehrheit erhielt den Glanz zivilgesellschaftlichen Widerstands.


Universelle politische Grammatik der Guten


Die politische Geschichte kennt für solche Prozesse zahlreiche Beispiele. Schon Alexis de Tocqueville beobachtete im Amerika des 19. Jahrhunderts die Gefahr einer neuen Form von Konformismus, die nicht durch staatlichen Zwang, sondern durch sozialen Druck entsteht. Nicht die Polizei erzwingt die Zustimmung, sondern die Gemeinschaft. Nicht das Verbot diszipliniert den Einzelnen, sondern die Angst vor moralischer Isolation im Wir. Die moderne Kampagnenpolitik hat diese Logik perfektioniert.


Besonders auffällig war dabei die erstaunliche Gleichförmigkeit der beteiligten Akteure: Ministerien, Großunternehmen, Medienhäuser, Gewerkschaften, Universitäten und Nichtregierungsorganisationen verwendeten zunehmend dieselbe Sprache. Ja selbst die Kirche machte mit, etwa in der Gottesdienstreihe „Wir bauen auf“ der Evangelischen Kirchengemeinde Feuerbach, aber auch der Kampagne „Wir sind Kirche“.


Überall begegnete man denselben Begriffen, denselben Symbolen und denselben moralischen Signalen. Vielfalt, Respekt, Haltung und Demokratie erschienen wie Bausteine einer universellen politischen Grammatik der guten Menschen – Wolfram Ackner schreibt auf Facebook bissig von „Hochmoral-Ariern“.


Niemand musste diese Entwicklung zentral steuern. Sie entstand aus einem gemeinsamen Milieu. Wer dieselben Universitäten besucht, dieselben Medien konsumiert, dieselben kulturellen Selbstverständlichkeiten teilt und sich in denselben sozialen Räumen bewegt, entwickelt zwangsläufig ähnliche Deutungsmuster. Das Ergebnis ist eine bemerkenswerte geistige Homogenität, die sich paradoxerweise permanent auf Vielfalt beruft.


Demokratie ist kein Besitzstand


„Buntheit ist die Farbigkeit der Narren“, befand einst Neo Rauch. Man muss ihm nicht vollständig zustimmen, um die Provokation seines Gedankens zu verstehen. Denn die politische Karriere der „Buntheit“ verweist auf eine tiefere Entwicklung: Je komplexer die gesellschaftlichen Konflikte werden, desto häufiger werden sie durch ästhetische Begriffe ersetzt. Und so werden aus politischen Gegensätzen Farbenspiele, aus Interessenkonflikten Haltungsfragen, ja aus schwierigen Entscheidungen moralische Selbstverständlichkeiten.


Die Wirklichkeit ist jedoch widerspenstiger. Gesellschaften bestehen nicht aus Harmonie, sondern aus Spannungen. Sie müssen zwischen konkurrierenden Interessen vermitteln, kulturelle Unterschiede aushalten und politische Konflikte austragen. Wer diese Konflikte durch die Beschwörung eines allgemeinen Wir überdecken will, beseitigt sie nicht. Er verschiebt sie lediglich unter die Oberfläche.


Besonders deutlich zeigt sich dies in einer Formulierung, die in den vergangenen Jahren nahezu inflationär verwendet wurde: „Unsere Demokratie.“ Auf den ersten Blick wirkt dieser Ausdruck harmlos. Doch gerade seine Harmlosigkeit macht ihn interessant. Denn Demokratie ist ursprünglich kein Besitzstand und keine Weltanschauung. Sie ist ein Verfahren. Ihr Wesen besteht darin, dass politische Gegner miteinander konkurrieren und wechselnde Mehrheiten bilden dürfen. Wer Demokratie liebt, muss deshalb auch das Recht auf fundamentalen Widerspruch akzeptieren.

Die Rede von „unserer Demokratie“ verändert diesen Charakter unmerklich. Aus einem offenen Verfahren wird ein moralisches Eigentum. Demokratie erscheint nicht länger als gemeinsamer Rahmen unterschiedlicher politischer Überzeugungen, sondern als Projekt eines bestimmten gesellschaftlichen Milieus.


Nicht gelebt, sondern inszeniert


Die Opposition wird dadurch leicht zur Bedrohung dessen, was angeblich allen gehört. So entsteht die paradoxe Situation unserer Gegenwart: Noch nie wurde so häufig von Demokratie gesprochen, und gleichzeitig scheint die Geduld gegenüber tatsächlichem demokratischen Dissens immer geringer zu werden.


Das eigentliche Kennzeichen der vergangenen Jahre war deshalb nicht die Stärke des Wir, sondern seine Künstlichkeit. Das politische Wir wurde nicht mehr gelebt, sondern inszeniert. Es entstand nicht von unten, sondern wurde von oben formuliert. Es war weniger Ausdruck einer vorhandenen Gemeinschaft als der Versuch, eine gewünschte Gemeinschaft kommunikativ hervorzubringen.


Genau darin besteht die große VerWIR(r)ung unserer Zeit. Denn wenn Zusammenhalt zur Dauerparole wird, fehlt zunehmend das Selbstverständliche, das ihn einst getragen hat. Wenn Gemeinschaft permanent beschworen werden muss, ist sie eigentlich schon zerbröselt. Und wenn alle ständig vom Wir sprechen, drängt sich irgendwann die naheliegende Frage auf: Wer ist eigentlich dieses Wir – und warum muss es uns unaufhörlich antrainiert werden?



Über den Autor: Thomas Hartung, geb. 1962 in Erfurt; promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig; der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute; Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Seit März 2020 ist er Pressesprecher der AfD-Fraktion Baden-Württemberg. Aktueller Buchtitel: Umerziehungsrepublik Buntland. Wider die Demontage des Eigenen. Gerhard Hess Verlag: Uhingen 2025




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