Karol Sauerland: HISTORISCH CONTRA POSTHISTORISCH
Die von mir bereits erwähnte Veranstaltungsreihe „Berlin in Warschau“ erlebte ihre achte Auflage. Es ging darum, wie der Warschauer Aufstand von 1944 (nicht zu verwechseln mit dem Ghettoaufstand, der 1943 stattfand) rezipiert wird. Dazu waren die deutsche Historikerin Katrin Steffen, der Journalist Piotr Jendroszczyk und der Direktor des Museums des Warschauer Aufstands, Jan Ołdakowski, eingeladen. Dieser gab allerdings weder einen Überblick über den vom 1. August bis zum 2. Oktober währenden Aufstand noch über die danach erfolgte systematische Zerstörung der Stadt durch Spezialeinheiten, sondern ging auf die Möglichkeiten eines deutsch-polnischen Gesprächs über diese Zeit ein. Schließlich sind die Sichtweisen, wie er unterstrich, auf die Vergangenheit in beiden Ländern höchst unterschiedlich.
In Deutschland versuche man posthistorisch zu denken und verlange dies auch von seinem östlichen Nachbarn, was einen Dialog unmöglich mache. Unter posthistorisch verstand Ołdakowski höchstwahrscheinlich den Verfassungspatriotismus, den der vor kurzem verstorbene Staatsphilosoph Jürgen Habermas in den 1980er Jahren im Rahmen des Historikerstreits stark zu machen suchte. Wenn man Pole ist, erklärte Ołdakowski, habe man ein solches Datum wie den Warschauer Aufstand als eine Art Gründungsmythos des heutigen Polen im Kopf. Wenn man in Deutschland Polen verstehen will, müsse man es nun einmal als historische Nation begreifen, womit er eine Nation meinte, die aus und mit ihrer Geschichte, für ihre Geschichte lebt, ihre Leistungen feiert, ihre Wissenschaftler und Dichter bewundert, ihre Helden ehrt, um ihre Opfer trauert und deren Andenken wahrt. Die Schlacht bei Kirchholm (1605), die Schlacht am Kahlenberg bei Wien (1683), die Schlacht um Monte Cassino (1944), all diese Ereignisse bilden ein Vermächtnis, das nicht vergeht. Kaum umsonst sind sie auf den Arkaden über dem Grabmal des unbekannten Soldaten in Warschau verewigt.
Ich dachte in jenem Augenblick an einen Gedenkstein, an dem ich fast täglich im Warschauer Stadtbezirk Ursus vorbeilaufe, mit einigen Tafeln am unteren Rand. Auf denen liest man der Reihe nach: Die Verteidigung Warschaus 1939, Katyn 1940[1], Konzentrationslager und Vernichtung 1939-1945, massenhafte Exekutionen 1939-1945[2], Góry Świętokrzyskie 1940-1944[3], Pawiak 1940-1944[4], Monte Cassino 1944, Warschauer Ghetto 1940-1943, Warschauer Aufstand 1944 und Pęcice 1944[5].
Dieser Gedenkstein stellt nichts Außerordentliches dar. Ähnliches Gedenken gibt es in ganz Polen.
Ołdakowski hätte auch – aber man wäre damit zu weit vom Thema Warschauer Aufstand abgekommen – auf die 3.Mai-Verfassung von 1791, die erste im neuzeitlichen Europa, die zweite nach der amerikanischen von 1787 weltweit, verweisen können, die konstituierend für das polnische Staatsbewusstsein war. Sie stellte zwar im Prinzip eine Deklaration infolge der Intervention der russischen Truppen unter Katharina II. dar, blieb aber in der Teilungszeit lebendig. Man hätte unterstreichen können, dass das historische nationale Bewusstsein kein ethnisches, sondern, wie ich es nennen würde, ein staatserinnerliches war.
Während das Heilige Römischer Reich Deutscher Nation 1806 sang- und klanglos aufgelöst wurde (Kaiser Franz legte die Krone nieder), endete die Erste Polnische Republik mit der Niederschlagung des (ruhmreichen) Kościuszko-Aufstands. Der polnische Staat sollte erhalten bleiben. Die polnische Erinnerung an die Vergangenheit ist somit eine politisch-historische. Die deutsche, wenn man an deren positive Seite anknüpfen möchte, eher eine dem Geistigen verhaftete, was man einst, insbesondere im deutschen Exil, mit dem Begriff „das Land der Dichter und Denker“ (und der Wissenschaftler) bezeichnete.
Ołdakowski unterstrich mehrmals, die deutsche Seite müsse verstehen, dass Polen eine historische Nation ist, dies sei unverhandelbar, „nie do negocjacji“. Dessen energisches Auftreten, die recht eindeutige Begriffsbestimmung, wurde allerdings nicht weiter thematisiert, sondern blieb im Raum stehen. Der alte Versöhnungsdiskurs sollte wahrscheinlich nicht wirklich unterbrochen werden.
[1] Damit wird das Massaker im Frühjahr 1940 bezeichnet, bei dem über zweiundzwanzig Tausend polnische Bürger – darunter fast 15000 Offiziere – auf Stalins Befehl hin ermordet wurden.
[2] Allein in Warschau und nähere Umgebung fanden über 1200 Exekutionen, zumeist auf den Straßen, statt.
[3] Hier war die Partisanenbewegung besonders aktiv.
[4] Es war das größte politische Gefängnis in der Besatzungszeit. Es lag ab dem Herbst 1940 im Warschauer Ghetto. Die Zahl der Todesopfer betrug um 37000, d.h. ein Drittel derjenigen, die dort eingeliefert wurden.
[5] Eine Ortschaft in der Nähe von Warschau, wo am 2. August 1944 die größte militärische Auseinandersetzung zwischen den Aufständischen und dem Besatzer stattfand.
Über den Autor: Prof. Dr. Karol Sauerland, geb. 1936 als Sohn deutscher Emigranten in Moskau, Abitur in Halle. Er studierte Philosophie an der Humboldt Universität, ließ sich jedoch exmatrikulieren, nachdem der auf ihn ausgeübte politische Druck unerträglich geworden war. Übersiedlung nach Polen, Studium der Mathematik und Germanistik. Dissertation über Diltheys Erlebnisbegriff, 1975 Habilitation und Universitäts-Dozentur, 1977-2005 Leiter der Abteilung für deutsche Literatur am Institut für Germanistik der Warschauer Universität, ab 1979 Leiter des Lehrstuhls für Germanistik an der Universität Thorn. Verlust der Leitung über mehrere Jahre aus politischen Gründen. 1989 Ernennung zum Professor, 1991 erneute Übernahme der Leitung der Lehrstühle für Germanistik an den Universitäten Warschau und Thorn (bis Ende 2003). Gastprofessuren in Deutschland, Schweiz u. Frankreich, Vorsitz kultureller Gesellschaften, 2009/10 Professor für Germanistik an der Universität Ústí nad Labem (Tschechische Republik), gegenwärtig an der Universität in Slupsk/Stolpe. Zahlreiche Bücher und Essays, wissenschaftliche Abhandlungen, Editionen, Anthologien, Konferenzbände und Rezensionen.
Kleine Auswahl seiner Schriften: Einführung in die Ästhetik Adornos. Berlin/New York 1979. Dreißig Silberlinge. Denunziation in Gegenwart und Geschichte. Berlin 2000. Hrsg., zusammen mit Detlef Krell: Mariupol. Reflexionen über die russische Invasion gegen die Ukraine. Dresden 2022.
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Beitragsbilder: Karol Sauerland


