Thomas Hartung: "VERZWEIFELN SIE RUHIG"

Der Dresdner Jan Josef Liefers hat mit 52 anderen Schauspielern die Republik aufgestört und den politmedialen Komplex erst verschreckt, dann erzürnt: Wie Corona-Kritiker zu „Rechten“ wurden und die „offene Gesellschaft“ als „geschlossene Gesinnungsgemeinschaft“ enttarnten.



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Am 3. Mai, dem Internationalen Tag der Pressefreiheit, verschränkten sich in diesem Jahr ungewollt zwei eigentlich unvereinbare Ereignisse: Einerseits veröffentlichte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels eine „Charta der Meinungsfreiheit“ mit 11 Punkten, der sich unter anderem die ARD anschloss. Andererseits wurde die Initiative #allesdichtmachen von 53 Filmschaffenden mit dem in Dresden geborenen ARD-Star Jan Josef Liefers an der Spitze („Tatort“, „Der Turm“) von dieser Meinungsfreiheit durch die Mainstreammedien samt ARD ausgeschlossen: „So pfäffisch, honeckeresk, ridikül, verkniffen und gouvernantenhaft wie in ihrer Reaktion auf 53 kleine satirische Filme von Schauspielern wirkten Deutschlands wohlmeinende Medien schon lange nicht mehr“, ärgert sich Alexander Wendt auf Tichys Einblick TE.


Das Honeckereske der Verschränkung betrifft vor allem die Punkte 4 und 5 der Charta. Behauptet der eine, dass Meinungsfreiheit zu einem Umgang verpflichte, „der von gegenseitigem Respekt, Zuhören, Ausredenlassen, Reflexion und argumentativem Abwägen geprägt ist“, dekretiert der andere: „Hetze und Hass werden nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt, sondern beschädigen sie. Die Meinungsfreiheit endet da, wo die Würde eines Menschen angegriffen wird.“ Wer sich über die Definition von „Hass und Hetze“ oder gar „Menschenwürde“ zu befinden anmaßt (offenbar die Autoren der Charta) bleibt ebenso offen wie die Tatsache, dass Meinungsfreiheit eben erst dort endet, wo das Strafrecht beginnt. Individuell bemängelte Tonalität hat rein gar nichts mit einem justiziablen Straftatbestand zu tun: Beleidigt ist erst, wen das Gericht so einstuft, und nicht, wer sich so fühlt. „Redefreiheit braucht keine Umgangsformen“, gibt selbst Malte Lehmig im linken Tagesspiegel zu.

Prompt musste der Geschäftsführer des Börsenvereins, Alexander Skipis, eingestehen, dass die über Twitter & Co. praktizierte „Cancel Culture“, die mehr oder weniger bekannte Persönlichkeiten mundtot zu machen sucht, „gefährliche Züge angenommen“ habe: „Das ist das Gift, das uns gerade zersetzt“. Er teile zwar nicht die Meinung von Jan Josef Liefers und anderen Schauspielern, die mit ihrer Aktion #allesdichtmachen jüngst Zweifel an den Corona-Maßnahmen zu wecken suchten. Das Katastrophale an dem daraufhin entstandenen Shitstorm sei aber, „dass Druck ausgeübt worden ist“ bis hin zu ins Spiel gebrachten Auflösungen der Verträge der TV-Lieblinge. Viele hätten sich daher bereits zurückgezogen. Sie sähen keinen Sinn darin, ihre Positionen offen zu vertreten.


Zumindest die Verlage seien nicht schuld am Aufschaukeln, hielt Burda Media Vorstand Philipp Welte dagegen. Die über Twitter & Co. ausgeübte Cancel Culture beschrieb er als realen „unglaublichen, grauenhaften Druck über die sozialen Netzwerke“, der etwa zu Drohanrufen an Redaktionen dazukomme. Er berichtete über den Plan des konservativen Focus-Kolumnisten Jan Fleischhauer, einen Podcast zu machen mit Frauen auch aus anderen politischen Lagern. Bei zwei Anläufen seien die Geladenen aber mit dem Argument abgesprungen, dass sie von ihren Peer-Gruppen mit Aggressionen überhäuft würden: eine „andere Form der Beschneidung der freien Presse“, so Welte.



„Playbook des Faschismus“


Was war geschehen? Die 53 kurzen, satirischen Videos beschäftigten sich Ende April mit den Widersprüchen und Absurditäten der Corona-Eindämmungsmaßnahmen, beispielsweise mit der Praxis, Kultureinrichtungen zwangszuschließen, obwohl sie praktisch nichts zum Infektionsgeschehen beitragen. Mit der Politik, ein ganzes Land von einem Inzidenzwert abhängig zu machen, der je nach Menge der Tests schwankt, und der noch nicht einmal Aufschluss über die Zahl der Covid-19-Infizierten gibt. Mit dem Maßnahmenfetisch von Merkel, Lauterbach und anderen, Bürger mit Ausgangssperren in geschlossene Räume zu scheuchen, also dorthin, wie die Gefahr einer Infektion nachweislich um ein Vielfaches höher liegt als im Freien. „Überhaupt befassen sie sich mit dem Glauben, wenn Regierungsmaßnahmen möglichst schmerzhafte Nebenwirkungen verursachen, müssten sie auch eine Hauptwirkung haben“, versucht Wendt eine Erkundung der absurd angelegten Rollenprosa: Gespielt wird der „Dankbare“ für die staatlichen Zwangsmaßnahmen, dessen offenkundige Hymne das tiefensemantische Requiem enthüllt – „Hyperbel“ nennt das Stilmittel der Linguist.


Obwohl Satire und Parodie nach Karl Kraus entweder die halbe oder die anderthalbe Wahrheit darstellen, mussten dagegen in der wohlmeinenden Öffentlichkeit die Videoproduzenten noch einmal extra auf den Satirecharakter hinweisen. Die Mühe hätten sie sich sparen können. „Sehr viele Meinungsschaffenden wissen entweder nichts mit Satire anfangen, sobald sie selbst Satireobjekt werden, oder sie stellen sich noch ein bisschen dümmer, als es ihrem natürlichen Zustand entspricht“, meint Wendt. Kester Schlenz etwa behauptete im Stern, Liefers „zieht mit seinen Äußerungen absurde Anwürfe der Querdenker und Verschwörungstheoretiker aus der Ecke von Spinnern in den Mainstream, macht sie so hoffähig.“


„Verzweifeln Sie ruhig – aber zweifeln Sie nicht“, sagt die Liefers-Figur. „In dieser Parole erkannten sich offenbar zu viele Medienschaffende wieder, als dass sie ihm die kleine Performance hätten durchgehen lassen können“, mutmaßt Wendt. Bisher sahen sich über fünf Millionen Menschen die Videos an. Bei Youtube liegt die Zustimmungsrate bei 93 Prozent – ebenso hoch fühlt sich die erregte Ablehnungsquote im twitterverstärkten politmedialen Komplex an. Einen Scharfmacher etwa gab Johannes Schneider in der Zeit. Es sei demagogisch, ja totalitär und würde auch jene Positionen beschädigen, „die anders und anderes kritisieren“ als man selbst: „Das aber ist das – sorry to say – Playbook des Faschismus in der Opposition.“ Faschismus? Das ist kein Witz.


Der Tagesspiegel trägt gar mit „läuseknackerischer Hingabe“ (Wendt) Indizien zusammen, dass hinter #allesdichtmachen „eine klare politische Agenda“ des Initiators Dietrich Brüggemann stecke: Der Tatort-Regisseur habe nicht nur auffällig viele „TV-Kommissar:innen“ rekrutiert, sondern auch 14 Beteiligte, die in der Vergangenheit mit ihm arbeiteten. Das Tagesspiegel-Team bilanzierte dann, dass „man die Ironie in #allesdichtmachen tatsächlich als Angriff auf die gesellschaftliche Kommunikation bezeichnen“ könne. Das ist ebenfalls kein Witz, wirft aber im Nachhinein ein grelles Licht auf den Rauswurf von Uwe Steimle beim MDR, der offenbar aus demselben uneingestandenen Einheitsmeinungsmotiv geschah. „Kunst und Macht haben noch nie gut miteinander gekonnt. Es ist die Aufgabe des Harlekins, auch dem mächtigsten Despoten den Spiegel vorzuhalten. Auf der Bühne lebt die Kritik, die draußen verboten ist“, giftet Roland Tichy.



„Dammbruch teutonischer Programmauswahl“


Der Berlinale-Preisträger Brüggemann verurteilte die mediale Reaktion im DLF als „faschistoiden Shitstorm“ und erklärte: „Wenn der Diskurs so verengt ist, dass auf einmal nur noch die AfD in der Lage ist, ein paar grundlegende Wahrheiten auszusprechen (...), was ist denn das für ein Diskurs?“ Auch Liefers kommt um einen Verweis auf die Pech-und-Schwefel-Partei im ZDF nicht herum, als er den kryptischen Vorwurf des Beifalls von der falschen Seite geschickt zurück weist: „Wenn ich sage 2+2=4, dann ist das richtig, auch wenn mir jemand von der AfD zustimmt.“ Als er, der zur Wende in Berlin als blutjunger Schauspieler vor hunderttausenden sprach, in einem seiner vielen Rechtfertigungsinterviews den Satz sagte: „In der DDR wäre ich für so ein Video wahrscheinlich in den Knast gekommen“, entblödete sich der ZDF-Journalist Mario Sixtus nicht des Twitter-Kommentars „Es war nicht alles schlechter in der DDR.“ Auf Twitter verbreiteten sich zudem die Hashtags #allenichtganzdicht und #allesschlichtmachen.


Den Vogel aber schoss sicher Martin von Mauschwitz bei WDR aktuell ab, der Liefers mit den Worten begrüßte: „Wir haben uns über sie geärgert“. Was hat der Ärger eines Journalisten in einer Nachrichtensendung zu suchen, und wer ist „wir“? Einen „Pluralis Merkelitatis“ hat Matthias Nikolaidis inzwischen auf TE identifiziert. Dem Schauspieler platzt der Kragen, als Mauschwitz dann fragt: „Mit dem Video bedienen Sie ja auch exakt das Narrativ, die Erzählung der Corona-Leugner und dieser rechtsextremen Lügenpresse-Schreihälse. Und die feiern Sie im Netz heute richtig ab. Davon haben Sie sich distanziert heute Nachmittag. Sind Sie wirklich so naiv?“ Liefers antwortet: „Wissen Sie, wann das letzte Mal jemand zu mir gesagt hat: ‚Sind Sie so naiv?‘ Das war ein Mitarbeiter des Zentralkomitees in der DDR auf der Schauspielschule.“ „Dieses Interview wird kommenden Generationen als Lehrbeispiel dienen können: Für die Hybris von Journalisten, die sich gegenüber ihren Interviewpartnern als moralische Oberlehrer aufspielen; für den erbärmlichen Haltungsjournalismus, wie er in den letzten Jahren in den deutschen Qualitätsmedien eingerissen ist“, so Oliver Zimski auf dem Blog achgut.


Der WDR-Rundfunkrat Garrelt Duin (SPD) forderte prompt, die an der Aktion teilnehmenden Schauspieler „auch aus Solidarität mit denen, die wirklich unter Corona und den Folgen leiden“, von weiteren Projekten auszuschließen. Michael Sack, CDU-Landeschef in Mecklenburg-Vorpommern, konterte wütend: „Bei solchen Berufsverbots-Fantasien sträuben sich mir nicht nur als Kind der DDR alle Nackenhaare.“ Denn das erinnert fatal an das 11. Plenum des ZK der SED vom 16. bis 18. Dezember 1965, das als sogenanntes „Kahlschlag-Plenum“ in die Geschichte einging: Es diente vor allem der Säuberung der DDR-Kulturpolitik von kritischen Kunstwerken und Künstlern.

Erich Honecker warf einer Reihe von Regisseuren, Drehbuchautoren und Schriftstellern „Nihilismus“ oder „Skeptizismus“ vor und erklärte: „Unsere DDR ist ein sauberer Staat. In ihr gibt es unverrückbare Maßstäbe der Ethik und Moral, für Anstand und gute Sitte.“ Die DEFA-Produktion des Jahres wurde nahezu komplett eingestampft; darunter „Das Kaninchen bin ich“ von Kurt Maetzig, „Denk bloß nicht, ich heule“ von Frank Vogel und „Die Spur der Steine“ von Frank Beyer; aber auch das Theaterstück „Der Bau“ von Heiner Müller und Stefan Heyms Buch „Der Tag“ kamen auf die schwarze Liste.



„nahezu totalitäre Argumentation“