Bernd Schick: AMERIKA GEWINNT IMMER. GLOSSEN ZUR NEUEN ALTEN EINFACHHEIT
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Es gibt historische Momente, in denen sich ontologische Fundamentalismen in ihrer reinsten Ausprägung offenbaren. Epochenumbrüche nennt man sie. In besagten Zusammenhängen erscheint es, als folge die Geschichte dem Gesetz der Gestaltpsychologie. Komplexe Reize werden auf ihre
einfachste Struktur reduziert. Prägend für Generationen tritt sie zutage.

In ihrer Allgegenwart blendet sie gleichsam sehenden Auges die politischen Akteure. Die Einheit im Kampf des Widerstrebenden bildet ihre Bewegungsform. Die Weichen diesseits und jenseits des Frontverlaufes werden indes in eine identitäre Richtung gestellt. Hegel sollte Recht behalten. Aus der quantitativen Anreicherung erfolgt der Umschlag in eine neue Qualität. Das Fluide folgt dem Gesetz der Entropie. Es heischt nach Ordnung. »Wem gehört die Zukunft?« — in der Frage spiegelt sich dem Zeitgenossen die Wahrheit über seine Existenz.
Die Globalisierung frisst ihre Väter
Die Ausbreitung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts in der Welt und mit ihm die soziale Emanzipation ist das Verdienst des Westens. Es gibt nicht eine Innovation in der Moderne, die nicht westlich inspiriert ist. Auch China, Indien und die restlichen Staaten des BRICS machen da keine Ausnahme. Die okzidentale Dominanz geht auf die industrielle Revolution und die mit ihr verbundene ursprüngliche Akkumulation des Kapitals zurück. In ihrem Gefolge übernehmen die Finanzmärkte die Herrschaft. Ihren Ausgang nahm die Entwicklung in England zum Ende des achtzehnten und beginnenden neunzehnten Jahrhunderts. Nach den europäischen Bürgerkriegen des zwanzigsten Jahrhunderts liefen die Vereinigten Staaten den Briten den Rang ab. Dessen ungeachtet dient der angelsächsische Positivismus ihnen bis heute als Leitkultur. Das historische Vorbild hatte seinerzeit das Nachsehen, weil es an seinem antiquierten Kolonialsystem festhielt. Die pragmatische Verwandtschaft aus den USA erwies sich als versierter in der Kosten-Nutzen-Kalkulation. Sie wickelt ihre Geschäfte direkt mit den einheimischen Eliten ab. Für die Bevölkerung ihres Einflussgebiets bleibt sie so nicht mehr verantwortlich.
Die neue Welt brachte einen eigenen Zivilisationstyp hervor. Das Nationale rutschte gleichsam in die Funktionale. Sie hatte Massenproduktion als Wettbewerbsvorteil bei Kontrolle über die Transportwege und Finanzströme zur Voraussetzung. Bodenschätze mit dem Erdöl als dem jüngsten und universellsten unter den Rohstoffen und Energieträgern speisten sie. Fordismus und Taylorismus sorgten für wirtschaftliche Effizienz. Eisenbahnen und Pipelines sicherten kostengünstig die Distribution.
Aus dem Kalten Krieg kehrte der Westen als selbstbewusster Sieger zurück. Der Neoliberalismus versprach die Erlösung auch für die von Misswirtschaft und Totalitarismus gebeutelten Verlierer. Seinen Protagonisten klebten die Dollarzeichen auf der Stirn. Selbst die Märkte der russischen Föderation begann der einstige Klassenfeind zu erobern. China nahm unter Deng Xiaoping schon Mitte der 1980er Jahre in seiner Wirtschaftspolitik Anleihen an den amerikanischen Positivismus. Der dem »Überragenden Führer« zugeschriebene Ausspruch bringt den ideologischen Wandel auf den Punkt: »Es spielt keine Rolle, ob die Katze schwarz oder weiß ist; solange sie Mäuse fängt.«
Doch der Köder war vergiftet. Zu tief ist in der frühen Hochkultur die Demütigung durch die Europäer wach. Deng erlebte sie noch am eigenen Leibe. In seiner Nachfolge öffnete sich der chinesische Markt mit seiner über eine Milliarde Konsumenten mit atemberaubender Geschwindigkeit dem Westen. In nicht mal drei Jahrzehnten holte das Reich der Mitte den
technologischen Rückstand auf. Zur Werkbank der Welt mutierte es. Inzwischen hält die Staatspartei die Wirtschaft wieder fest in ihrem Griff. Der Interventionismus der aufstrebenden Großmacht wird zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil auf den Märkten dieser Welt. Kommunistisch etikettierter Konfuzianismus bildet das Angebot der Volksrepublik auch zum Ideologieexport – Projektionsfläche für Sektierer unterschiedlichster Couleur. Desillusioniert vom Projekt der Moderne, träumen sie von einer Alternative zur abendländischen Zivilisation.
Lands of Isolationism
Anders als Chinas aus der asiatischen Produktionsweise (Karl Marx) hervorgegangene »sozialistische Marktwirtschaft« hat Russland keine eigene Ökonomie hervorgebracht. Es blieb wirtschaftlich stets dem alten Kontinent verpflichtet. Kulturell bildet es eine Einheit mit ihm. Der erst durch die
Angelsachsen aufgebrochene asiatische Isolationismus ist der russischen Seele fremd. Sie ist stattdessen auf Anschluss aus. Brüderlichkeit ist ihr Angebot an die Menschheit. Aus der Zurückweisung speisen sich ihre Kränkungen. Die Nachbarn missverstünden stets ihre Versuche der Umarmung. Die verdiente Anerkennung bliebe ihnen auf dem alten Kontinent versagt. Das riesige Land mit seinen unerschöpflichen natürlichen Ressourcen und »Menschen von Fleisch und Blut« sieht sich in Permanenz mit den Begehrlichkeiten der blutleeren »Kaufmannsnationen« (Johann Gottfried Herder) konfrontiert.
Verteidigung des Eigenen bleibt deshalb das Agens russischer Identität. Seine ökonomische Basis ist der »Kriegskommunismus«. Dem Isolationismus von außen begegnet die politische Klasse im Inneren mit Autarkie. Die Wirtschaft von den Märkten »störunanfällig« zu machen, lautet ihr Euphemismus. Der Feind kommt aus dem Westen – vor ihm sind wir alle wieder gleich. Der Satz erhellt die Leidensfähigkeit des russischen Volkes, wie er die Implosion des Sowjetimperiums erklärt. Die Innovationen im militärisch-industriellen Komplex finden keinen Eingang in den nationalen Markt. Sie bleiben weitestgehend ohne Einfluss auf den allgemeinen Konsum der einheimischen Bevölkerung. Durch Verzicht sind sie erkauft. Hierin unterscheidet sich die Führungsmacht aus dem ehemaligen Ostblock von ihrem Pendant im atlantischen Lager. Hinzu kommt, dass der russische Bär seinen »Frieden« jeweils durch Landnahme erzwingen muss. Anders als sein überseeischer Kontrahent verfügt er nicht über die Macht, seine Ansprüche durch Sanktionen auf den Märkten durchzusetzen.
Russland ist wieder einmal dabei, sich zu Tode zu siegen. Just in dem Augenblick sucht der Führer der westlichen Welt den Schulterschluss zum östlichen Autokraten. Es mutet auf den ersten Blick wie ein Treppenwitz der Weltgeschichte an. Bei genauerer Betrachtung weist es jedoch über die medial einschlägig kolportierte Verwandtschaft der politischen Mentalität von Wladimir Putin und Donald Trump hinaus. Der Schulterschluss erhellt sich auch als inhaltlich begründet. Angesichts der von der russischen Armee besetzten Territorien rechnen sich mittelfristig Investitionen der großen Konzerne wie Exxon und Chevron[1] in Schiefergasvorkommen und zu erschließende ukrainische Gasfelder im Schwarzen Meer nicht mehr. Der Neoliberalismus in den Staaten selbst hat seinen Zenit ohnehin längst überschritten. Er ist – um den »Genossen Lenin« zu zitieren – zum »faulenden parasitären« Kapitalismus mutiert. In seinem Gefolge depravierten der Mittelstand sowie die heimische Industrie.
Um ihnen die verlorene Vitalität zurückzugewinnen, ist der Staat gefragt. Produktion und Investitionen gilt es wieder ins Land zu holen. China hat es vorgemacht. Barack Obama und Joe Biden gingen die Rezepte aus. Der Führer der westlichen Welt muss deshalb zunächst im eigenen Hause Ordnung schaffen. Dem 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten blieben nach seiner ersten Amtszeit vier Jahre, um sich darauf vorzubereiten.
Die Geburt der Migration aus dem Elend der Moderne
»Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose ‚bare Zahlung‘. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt…«, schreibt Karl Marx in dem 1848 erschienenen Manifest der Kommunistischen Partei.
Marx würdigt die »höchst revolutionäre Rolle« der europäischen Bourgeoisie. Der Begründer der politischen Ökonomie aber bleibt im Grunde seines Herzens der Junghegelianer seiner Berliner Studienjahre. Er feiert die Freiheit von überkommenen Bindungen. Beschreibt den Kapitalismus in seiner Aufstiegsphase jedoch als einen Prozess kollektiver Entfremdung. Zu dessen Überwindung setzt er auf die historische Mission jener Klasse, die sich die Bourgeoisie selbst heranziehe: das Proletariat. In ihm produziere sie gleichsam ihren eigenen Totengräber.
Nun ist die Ontologie nicht gerade eine Stärke des Begründers des Marxismus. Der triebdynamischen Konsequenzen der Entwicklung enthebt sich seine Lehre vom Klassenkampf. Nicht nur bar von persönlicher Hörigkeit und Produktionsmitteln bleibt der »doppelt freie Lohnarbeiter«, sondern er ist auch einer Kopulationsordnung nicht mehr unterworfen. Mit dem Tod des Gottes der Väter wurde die an Status als Ernährer und Mitgift gebundene Hierarchie in der Gattenwahl obsolet. Der zunehmend egalitäre Arbeitsmarkt führte zu einer Rollenkonfusion zwischen den Geschlechtern. Sie machte die Bindung von Mann und Frau zu einer oftmals kurzlebigen Angelegenheit. In agrarischen Fortpflanzungsgemeinschaften entschied noch der Besitz an Land und Vieh darüber, wer Nachwuchs in die Welt setzen durfte oder wem das Los des Junggesellen und Knechts beschieden blieb. Die proletarischen Massen in den urbanen Räumen entzogen sich weitgehend solcherart sozialer Kontrolle. Demografischer Wildwuchs war eine der Folgen. Als deren Konsequenz blieb die Nachkommenschaft nicht selten sich selbst überlassen. Die Lohnarbeit nährte die Familien nicht mehr. Pauperismus nannte man diese Epoche im Europa von Beginn bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Besonders England aber auch Deutschland waren betroffen. Als Vormärz ging das Elend in die Geschichtsschreibung ein. Industrieller Aufschwung sowie der Aufbau eines rudimentären Sozialstaates versprachen, die Folgen zu mindern.
London blieb damals die bevölkerungsreichste Stadt der Welt. Auch in Preußen wuchsen die Einwohnerzahlen in der Hauptstadt und den industriellen Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet gleichsam exponentiell. Mietskasernen schossen aus dem Boden, um die räumliche Not allmählich zu lindern. »In Stellung gehen« für Frauen, für Männer die Verpflichtung beim Militär, trugen dazu bei, die überschüssigen jungen Populationen einzubinden.
Den Unzufriedenen, Überflüssigen und Beladenen erschien indes Amerika als das Gelobte Land. Die Auswanderung nahm zur Jahrhundertwende Fahrt auf. Ein neues Leben lockte auf dem fernen Kontinent. Die wirtschaftliche Aussicht ließ die Entwurzelten ihre verlorene Heimat schnell vergessen. Ein gutes Jahrhundert später dreht sich gewissermaßen die migrantische Logik. Heute stellt der globale Süden das Gros der fluiden Weltbevölkerung. Das überalterte Europa begegnet ihm, in der Sprache der Psychoanalyse ausgedrückt, durch »Identifikation mit dem Aggressor«. In seiner demografischen Not erklärt es sich von selbst zum »Einwanderungsgebiet«. Die neue Welt legte die Blaupausen vor. Als Urmutter des Multikulturalismus gerierte sie sich im Selbstverständnis der europäischen Postmoderne. Es nimmt deshalb nicht wunder, dass Donald Trumps identitäre Kehrtwende die politische Klasse der alten Welt verstört. Ihres historischen Vorbilds benommen, ist für sie die Konfusion vorprogrammiert. In Ermangelung eines eigenen Konzepts, blickt sie ratlos zurück.
Die westliche Führungsmacht fürchtet den »inneren Feind« ebenso wie den äußeren
Russland ist wie die USA demografisch nicht mehr in der Lage durch Infanterie vorgetragene Kriege zu gewinnen. Es teilt mit seinem überkommenen Rivalen die Erfahrung aus Afghanistan. Der Krieg in der Ukraine brachte die atomare östliche Supermacht schnell an ihre Grenzen. Was als Blitzaktion gedacht, endete in einem militärischen Fiasko. China muss seine konventionelle Schlagkraft gegen einen hochmotivierten regionalen Gegner erst noch beweisen. Die blutige Nase dereinst beim Überfall auf den vietnamesischen Nachbarn sollte ihm eine Warnung sein.
Die USA haben sich bei lokalen Spannungen deshalb auf »Enthauptungsschläge« verlegt. Ein Konflikt zwischen den Supermächten liefe zwangsläufig auf einen Krieg der Sterne hinaus. Von Satelliten gelenkte Roboter führten ihn. Donald Trump meint, er habe es begriffen. Die europäischen Verbündeten jedoch geizen mit ihrer Unterstützung. Im neuen Kalten Krieg gehe es um die Sicherung der materiellen Basis wie Energien, Treibstoffe, Metalle und seltene Erden für die Hardware. Es bedarf der überlegenen E-Technologien, Software und Datenübertragungssystemen, der KI-Netze und kosmischen Raketenschirme, um den Gegner abzuschrecken. Nur so könne Amerika den dritten Weltkrieg verhindern. Dazu bedarf es einer gewaltigen Summe an Kapital. Doch woher das Geld nehmen, das für die hochverschuldete Führungsmacht der westlichen Welt immer knapper wird? Sie kann sich den Sozialstaat kaum noch leisten. Hinzu kommt, dass die kriegsentscheidenden Akteure nach der Einschätzung des Oval Offices nicht nur »verfetteten«, sondern auch mental erschlafften. »Verblendete und rücksichtslose politische Führer«[2] hätten das Militär vom Kurs abgebracht. Gemeint ist hier offenbar der Einfluss von Political Correctness, Gender und
Cancel-Culture.
Es kommt deshalb nicht von ungefähr, dass das Pentagon zunächst einmal dem Oberkommando eine »Schlankheitskur« verordnete. Verteidigungsminister Pete Hegseth verkündete vor der versammelten Generalität die Entlassung hochrangiger Offiziere, darunter des höchsten schwarzen Generals sowie der obersten Admiralin. So geschehen im September 2025 auf der Marinebasis Quantico im
Bundesstaat Virginia. Die US-Administration schickt sich an, den »Kriegergeist« der Nation neu zu beleben. Corporate Identity bildet seine Voraussetzung nach innen. Nur die taffste Company zieht die High-Performer an. Die Loser halten sich dann von selbst auf Distanz.
Unbenommen davon sehen die Verantwortlichen in Washington sich an ihren Landesgrenzen mit dem unverminderten Ansturm aus der fertileren Mitte des Kontinents konfrontiert. In den Gliedstaaten an der 3145 km langen Grenze zu Mexiko kommt man schon heute mit Spanisch besser als mit Englisch aus.
Stellt der »migrantische Wildwuchs« die USA zunehmend vor ein soziales Problem, so bildet die Zuwanderung aus der muslimischen Welt eine politische Herausforderung. Donald Trump beginnt das neue Jahr mit einem Coup gegen das linke Maduro-Regime in Venezuela. Das verpasste
Ukraine-Geschäft der Öl-Multis verlangt nach einer Kompensation. Der Präsident selbst kontrolliert die Einnahmen aus dem Ölverkauf. Das südamerikanische Land werde den USA zwischen 30 und 50 Millionen Barrel an sanktioniertem Öl liefern, kündigte er an[3]. Drei Tage zuvor leistet der erst 34jährige Zohran Kwame Mamdani als New Yorks 111. Bürgermeister seinen Amtseid auf den Koran. Ilhan Omar, das Gesicht des Widerstands gegen Trumps Einwanderungspolitik aus dem Lager der Demokraten, tritt demonstrativ mit Kopftuch vor die Kameras.
Der politische Islam schickt sich an, sich als der neue Anwalt der »Verdammten dieser Erde« zu gerieren. Dem richtungslosen Heer der Migranten entbietet er sich als die neue Heilsideologie. Wie dereinst die proletarischen Avantgarden vermeint er die Demographie auf seiner Seite. Seine
Kopulationsordnung ist auf Wachstum angelegt. Die milliardenschweren Eliten der den Religionstransfer verantwortenden Länder übernehmen, wie im Europa der Flüchtlingskrisen so auch in Übersee, derweil die Kosten für die Moscheen.
Warum das Trump-Bashing wohlfeil ist
Die Vereinigten Staaten verhalten sich wie ein Marktführer, der seinem Außendienst die Konkurrenz vom Leibe hält. Marketing ist für ihn Krieg. Als CEO (Chief Executive Officer), CFO (Chief Financial Officer), COO (Chief Operating Officer) bezeichnen sich seine Führungskräfte. Die Geschäftsbereiche heißen »Divisions«. Verkaufsmeetings finden in »War Rooms« statt. Die »Staff« ist gehalten, ihre Umsatzverpflichtungen auf sogenannten »Blood Swords« einzutragen. Und wehe dem, der nichts mehr in der »Pipeline« hat. Das war unter Biden nicht anders als unter Trump. Durch letzteren ändert sich nicht die strategische, sondern nur die taktische Fokussierung.
Was sagt eigentlich das Völkerrecht zum Anschlag auf Nord Stream? Laut BGH verantwortet diesen ein staatlicher Akteur. Die Anklage geht von einem Kommando des ukrainischen Geheimdienstes als Saboteure aus. Die Behauptung des Journalisten Seymour Hersh[4] steht zudem im Raum, dass im militärischen Kontext des Ukrainekriegs die CIA ihre Hände im Spiel gehabt haben musste. Fakt ist, dass zum Zeitpunkt der Sprengung kein Gas mehr aus den Pipelines nach Deutschland floss. Die Forderung der Biden-Administration war bereits erfüllt. Auch Trumps Wende in der amerikanischen Russlandpolitik ändert an Washingtons Bewertung des Angriffs auf die Einrichtung eines
Nato-Verbündeten nichts. Das Gegenteil ist der Fall. Mittlerweile kontrolliert ein enger Vertrauter des US-Präsidenten und Spender an dessen MAGA-Bewegung mit der Übernahme des größten deutschen Betreibers von Gas-Terminals und -Pipelines auch die inländische Infrastruktur[5]. Als Reaktion auf den Ausfall der russischen Importe wurde sie neu ausgerichtet. Nicht zuletzt dient sie der Anlandung und Verteilung des teuren Fracking-Gases aus Übersee. Der Verkauf des Teils der Anlage von militärischer Relevanz wurde von der Bundesregierung noch in letzter Minute rückabgewickelt. Fürs erste!
Angesichts der weiteren Entwicklung muss man von dessen Vorläufigkeit ausgehen. Die Anschaffung von fünfzig F35-Kampfjets zur Steigerung seiner »Kriegstüchtigkeit« hat Deutschland bei seinem wichtigsten Verbündeten bereits angemeldet. Dem Objekt der Begierde obläge dann auch die Versorgung der Flugzeuge mit Kerosin. So schlösse sich die kommerzielle Lücke zwischen Sale und Post-Sale. In Grönland hat Donald Trump unterm Strich alles bekommen, was er wollte. Von den Optionen zur Erweiterung des Stützpunkt-Systems bis zu den Aussichten auf die Schürfrechte für seltene Erden. Wer gab eigentlich dem Nato-Generalsekretär das Verhandlungsmandat? Warum liest man so wenig von Europäern auf der Liste der Beteiligungsgesellschaften zur Erschließung von Bodenschätzen wie seltene Erden in der Ukraine, wenn die EU schon die Kosten für den Wiederaufbau stemmen soll? Weshalb verhandeln jetzt ausschließlich Amerikaner mit Russland über wirtschaftliche »Deals«?
Das Geld muss in der Familie bleiben. Am Ende zahlt der deutsche »Exportweltmeister«. Angesichts der Schuldenberge seiner Europäischen Nachbarn geht es ihm noch zu gut. Mit 2,5 Billionen nur steht er in den Miesen. Das »Sondervermögen« wird nicht mitgezählt. Der deutsche Michel bunkert auf seinen Sparbüchern von allen Europäern ohnehin das meiste Geld. Mit 9,6 Billionen übersteigt das Geldvermögen der privaten Haushalte[6] die Verpflichtungen des Gemeinwesens um ein Vielfaches. Wenn es die Staatsräson verlangt, dann muss man eben an das Sparschwein gehen. Die bundesdeutsche Administrative entwickelt für den Ernstfall schon Ideen. Sie entdeckte die sogenannten »ruhenden Konten«. Also Guthaben ihrer Bürger, die mangels Erben oder offenliegender Zuständigkeit über einen längeren Zeitraum keine Bewegung aufweisen. Man könnte sie doch per Gesetz einem »guten Zweck« zuführen.
»Make America Great Again« – Europa spielt die Rolle, die ihm die Trump-Administration vorgibt. Die Inszenierung folgt dem Drehbuch der Akkumulation des Kapitals in der Postmoderne. Im vorauseilenden Gehorsam geht Deutschland voran. Die Nation aus Europas Mitte hat es verlernt, eigene Interessen zu vertreten. Aus dem Übersprung nährt sich das Trump-Bashing in den
Öffentlich-Rechtlichen. Während Uncle Sam sich bei seinen Verbündeten die Taschen wieder füllt, lenken deren mediatisierten Eliten mit egalitaristischer Rhetorik vom Thema ab. Ob so oder so – über kurz oder lang werden wir alle ohnehin Amerikaner sein. Durch Smartphones, Social Media, Cloud-Dienste, Plattformkapitalismus und Lingua franca sind wir es schon heute. Wozu also die eigene Karriere riskieren? Selbst die identitären Mächte hinter den neuen eisernen Vorhängen werden dem Schicksal des Westens nicht entgehen.
»Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig in’s Irrenhaus«, klagt Friedrich Nietzsche zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts in Also sprach Zarathustra[7].
Wie eine Übersetzung von Marx aus dem kommunistischen Manifest in die Sprache der Ontologie liest es sich. Was bleibt indes vom Einzelnen und seinem Eigentum? Zum Schelm ist er nicht verleibt genug. Die Gabe der Selbstverleugnung fehlt ihm zum Parvenü. Und um im Geiste zu überleben, bedürfte es des Stolzes auf die eigene Herkunft.
[1] Die ARD (Monitor vom 13.03.2014) weiß von der »großen Euphorie bei der Vertragsunterzeichnung im November [2014] mit dem US-Multi« zu berichten. Ab 2020, hieß es da, könne die Ukraine sogar ganz unabhängig vom russischen Gas werden.
[2] Pete Hegseth, Quantico, September 2025.
[3] Tagesschau online, 07.01.2026.
[4] Vgl. Seymour Hersh im Interview: Joe Biden sprengte Nord Stream, weil er Deutschland nicht traute. Interview: Fabian Scheidler, Berliner Zeitung, 14. Februar 2022.
[5] Der Spiegel, 28.01.2026
[6] Veröffentlicht von K. Scholle, 01.12.2025, statista
[7] Friedrich Nietzsche, 1883–1885. Also sprach Zarathustra, S. 20, KSA 4. dtv, München,1999.
Über den Autor: Bernd Schick lebt bei Frankfurt/Main. Studium der Psychologie und Germanistik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Stv. Chefredakteur der Weimarer Beiträge. Mai 1989 Ausreise in die Bundesrepublik. Lehrauftrag, Geschäftsleitung einer Medienagentur, Psychotherapeut. Letzte Buchveröffentlichung: Erfurths Ehre (Roman). Weimar/Rostock 2021.
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