Marc Pommerening: BOTSCHAFTEN AUS DEM INNEREN DES WALS
Aktualisiert: vor 16 Minuten
Lieber Herr R***,
die Linken sollen ran, finde ich. Sollen machen, was sie wollen, und dabei scheitern. Spektakulär und so gründlich, dass die Nachgeborenen sich mit Schaudern an jene islamostalinistischen „Tage der Kommune“ erinnern werden. Die linken Parteien wird es zerreißen, Berlin leider auch.
Ein berühmtes Filmzitat lautet: „Fasten your seatbelts, it's going to be a bumpy night.“
Ein alter Film kam mir in den Sinn, als ich nachdachte über die 51% junger Frauen, die in Berlin die Linkspartei gewählt haben.
„Fack ju Göthe“ zeigte 2013, wie ein Kollektiv aus deutschen Lehrerinnen den von ihnen migrantisch gelesenen Kleinkriminellen Zeki Müller domestiziert. Ist das nicht der rosige und feuchte Wunschtraum aller Lisi Schnabelstedts: die Zähmung eines virilen Migranten, der den woken Lauch an ihrer Seite ersetzt?
Ersetzt wurde auch der neulich noch verkitschte Proletarier; mit seinen inkommensurablen Ess- und Trinkgewohnheiten, seiner „toxischen“ Männlichkeit und seiner verstockten Heteronormativität war er für Linke stets eine Enttäuschung. Der Prolet orientiert sich national, auch wenn man ihm eigens einen Arbeiter- und Bauernstaat hinsetzt und hat schon 1990 zu 48,15% für die AfD gestimmt, die sich damals „Allianz für Deutschland“ nannte.
Im linken Gefühlshaushalt tritt der Migrant an seine Stelle. Anders als 2015 und in „Fack ju Göthe“ geht es nicht mehr um als „Integration“ beschönigte Domestizierung; man selber unterwirft sich lustvoll aus migrantischen Milieus kommenden Deutungsmustern. Jugendliche Palästina-Begeisterung mag aus dem altlinken Fundus stammen, die stete Rede vom „Genozid“ eines israelischen „Apartheid-Regimes“ ist in dieser Form etwas Neues. Die „Befreiung“ Palästinas ist zum „current thing“ geworden.
2015 begann mit „Refugees welcome!“ eine Zeit inbrünstig geäußerter Parolen die rein situativ funktionieren und erstaunlich austauschbar sind. Sie rufen „Black Lives Matter!“ wie „Slava Ukraini!“ und „Free Palestine!“ wie „Pokemon go!“ – leider aber werden die Palästina-Befreier nicht wie die Klima-Kleber verschwinden. Die Parolen bezeichnen eine erfolglose, daher manische Suchbewegung. Etwas Entscheidendes fehlt im Leben all dieser zornrot Entflammten – der Glaube an ein Absolutes, das ihrem Dasein Richtung und Ziel gibt. Die kultische Form der Demonstrationen, all das Hüpfen und Knien, all die liturgischen Gesänge, weist auf ein metaphysisches Defizit hin, das in der Inszenierung sichtbar wird.
Der Islam mit seiner unendlichen Geduld steht bereit, sobald Lisi Schnabelstedt müd ist vom Hüpfen und Knien, dem Pronomen-Rokoko und der Wahl zwischen 60 verschiedenen Geschlechtern. Der Islam verhüllt Lisis schlecht gestochene Tattoos und die blau gefärbten Haare, gibt ihrem Alltag Struktur und den lang ersehnten Sinn.
Aber der Islam nimmt auch dankbar an, was seine neuen Anhänger ihm zu bieten haben: den im Kampf gegen die eigene Kultur geschärften Rassismusvorwurf etwa oder die humanitaristischen Phrasen, mit denen man seinen Judenhass als antizionistisch bemänteln kann.
Logisch wäre ein Lifestyle-Islam, der sich am Mode-Hinduismus der sechziger Jahre orientieren könnte, etwa mit Sufi-Meditationen für die Omas gegen Rechts oder durch Konversionstherapien für die wohlmeinenden, aber fehlgeleiteten Queers for Palestine.
Übrigens finde ich, dass man die deutsche Kultur sehr hassen muss, wenn man einen Film „Fack ju Göthe“ nennt.
Möge der Wal, in dessen Inneren ich hause, nicht wie auf einer Sandbank verenden!
Ihr
MP
Über den Autor: Marc Pommerening (*1970) arbeitet als Autor und Regisseur. Herausgeber von Rexroths Der Wermutstrauch und Verfasser der Mikroaggressionen (beide Edition Finsterberg).
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