Marc Pommerening: BOTSCHAFTEN AUS DEM INNEREN DES WALS
Lieber Herr R***,
Geschichtsoptimist war ich nur kurz. In den für mich prägenden frühen Neunziger Jahren sah ich multikulturelle Imperien zusammenbrechen und Nationen aus ihren Trümmern erstehen. Mehr noch als das jähe Ende der Sowjetunion sprach der Zerfall Jugoslawiens gegen die Haltbarkeit von Vielvölkerstaaten, selbst im kleinen Ruanda mordeten Hutu Tutsi mit Macheten. Ganz offenbar waren Nationen, ihre Geschichte und ihre Mythen, haltbarer als mit eiserner Hand regierte Imperien. Notgedrungen beschäftigte man sich mit der Ustascha, Nagorny-Karabach oder dem Amselfeld, wo 1389 König Lazar I. den Türken unterlag
Mich als frisch gebackenen und daher blasierten Großstädter erinnerten die alten Geschichten und das Morden ihretwegen an die blutigen Rituale von Hinterwäldlern aus Horrorfilmen, dabei ließ sich am Schicksal Sarajewos lernen, wie verwundbar zumal multikulturelle Städte sind; ich hätte auch ans vom Bürgerkrieg zerrissene Beirut denken können, das mit Zonen und Demarkationslinien durch die Tagesschauen meiner Kindheit spukte.
War, was ich damals für den Epilog des tragischen 20. Jahrhunderts hielt eher der Prolog kommender Verhängnisse? Wird es Berlin zerreißen wie Beirut oder Sarajevo? Könnte in Neukölln die Scharia gelten, während in Schöneberg schwule Bürgerwehren patrouillieren und der Prenzlauer Berg zur Gated Community wird?
Vorletzten Freitag fand in Berlin-Charlottenburg das TUMULT FORUM statt, normalerweise ein Ort kühler Analyse, an dem man emotionale Momente eher nicht erwarten würde. Bei der Buchvorstellung von Thor Kunkels islamkritischer Schrift „Vom Korsaren zum Dominanzkriminellen“ aber stand plötzlich ein sichtlich angefasster Zuhörer auf, um von einem Messerangriff zu berichten, dessen Opfer er wurde.
Wenn ich es richtig mitbekommen habe, führte der Herr seinen Hund aus, traf auf einen öffentlich seine Notdurft verrichtenden Migranten, stellte den zur Rede und wurde von ihm mit einem Messer angegriffen. Das schrecklich lapidare „gemessert“ ist längst schreckliche Normalität. Eine im Dunstkreis von TUMULT ungewöhnliche Ratlosigkeit stellte sich ein. Die Klinge des Messers kappte kurzzeitig den Diskursfaden und machte den Druck der Straße jäh spürbar.
Am Tag darauf stößt in der Kreuzberger Gneisenaustraße ein rüstiger Herr in Freizeitkleidung auf eine durchaus feindselige Demonstration von Palästina-Enthusiasten. Er könnte ein pensionierter Schuldirektor sein, der sich trotzig an seinem Pappbecher mit Kaffee festhält, sogar ein AfD-Wähler, der auf den Bevölkerungswandel mit grantigem Behauptungswillen reagiert. Es ist aber Volker Beck, Präsident der deutsch-israelischen Gesellschaft, Schwulenaktivist und Vater der Homo-Ehe. Beck wirkt wie ein Method-Actor, der einen Opern-Chor beim Proben stört. Die Demonstranten changieren zwischen Scheu und Abscheu. Gern würden sie Beck wohl seinen Kaffee ins Gesicht schleudern, aber eine blonde Regisseurin bellt Kommandos, die angesichts der bereit stehenden Polizei eine Eskalation unterbinden.
Beide Beispiele zeigen den Kampf, der in Berlin bereits jetzt um den öffentlichen Raum entbrannt ist und um das, was als statthaft und legitim zu gelten hat. Wer wann warum filmt und welche Bilder produziert und provoziert werden sollen, ist dabei relativ egal, denn die Botschaft könnte nicht deutlicher sein: Wer als schwuler Berliner Israel unterstützt, benötigt fortan Polizeischutz, um in Ruhe seinen Kaffee zu trinken.
Als der Dichter T.S. Eliot nach dem Wesen künftiger Kriege gefragt wurde, entgegnete er „internecine fighting“, Bruderkrieg, und ergänzte: „People killing one another in the streets.“
Einen schönen Restsonntag!
MP
Über den Autor: Marc Pommerening (*1970) arbeitet als Autor und Regisseur. Herausgeber von Rexroths Der Wermutstrauch und Verfasser der Mikroaggressionen (beide Edition Finsterberg).
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