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Thomas Hartung: DIE GRENZEN DER GRENZENLOSEN FREIHEIT

vor 5 Minuten
11 Min. Lesezeit

Radka Denemarkovás Frankfurter Buchmessenrede feiert den Universalismus. Der gerät dort aber in Widersprüche, wo Geschichte, Demokratie und geistige Freiheit nicht mehr ins gewünschte Weltbild passen.


Böhmen liegt am Meer. Shakespeare hat es erfunden, Ingeborg Bachmann hat es besungen, und Radka Denemarková macht daraus ein politisches Programm. In ihrer Rede zur Frankfurter Buchmesse beschwört die tschechische Schriftstellerin eine Welt, in der nationale, kulturelle und politische Grenzen ihre trennende Macht verlieren, die Literatur als moralische Instanz über den Verhältnissen steht und der Mensch endlich zu sich selbst findet, indem er sich von den geschichtlichen Bedingungen seiner Existenz befreit. Was bei Shakespeare eine geografische Unmöglichkeit und bei Bachmann eine poetische Sehnsuchtsfigur war, wird hier zum Versprechen einer besseren Gesellschaft.


Das ist ein bemerkenswerter Vorgang. Denn die Literatur vermag Böhmen gerade deshalb ans Meer zu versetzen, weil sie keine Verantwortung für die Folgen ihrer geografischen Entscheidungen trägt. Sie muss weder Häfen bauen noch Küsten schützen, weder Zuständigkeiten regeln noch darüber befinden, wer in diesem neuen Küstenland Gesetze erlässt. Ihre Freiheit besteht darin, die Wirklichkeit überschreiten zu dürfen, ohne sie deshalb abschaffen zu müssen. Der politische Universalismus hingegen neigt dazu, aus dieser Freiheit einen Auftrag zur Umgestaltung der Wirklichkeit abzuleiten. Was als Metapher überzeugt, soll plötzlich als Gesellschaftsentwurf gelten.



Explosive Umgestaltung in zwei Sekunden, Nevada 1953
Explosive Umgestaltung in zwei Sekunden, Nevada 1953

Darin liegt die erste Grundspannung von Denemarkovás Rede: Sie fordert die Überwindung jener Grenzen, die das geschichtliche Leben überhaupt erst hervorgebracht haben, und behandelt diese Überwindung als moralischen Fortschritt. Die zweite Grundspannung betrifft die Literatur selbst. Sie soll sich jeder ideologischen Vereinnahmung entziehen, gleichzeitig aber entschieden politisch auftreten, gegen die Mächtigen kämpfen und eine bestimmte Vorstellung von Humanität, Demokratie und gesellschaftlicher Offenheit mindestens vertreten, wenn nicht gar deren Durchsetzung aktiv befördern. Literatur wird damit ausgerechnet im Namen ihrer Unabhängigkeit politisch verpflichtet.


Beide Spannungen hängen zusammen. Wer die Welt als fortschreitende Überwindung überlieferter Bindungen versteht, wird auch von der Literatur erwarten, dass sie diesen Fortschritt bezeugt. Und wer Literatur vor allem dort feiert, wo sie die richtigen politischen Grenzen überschreitet, muss erklären, wie viel Freiheit jenen Autoren bleibt, die andere Grenzen für bewahrenswert halten.


Der Mensch ohne Herkunft


Denemarkovás Universalismus besitzt eine historisch nachvollziehbare Herkunft. Als tschechische Schriftstellerin steht sie in einer europäischen Erfahrung, die von Nationalsozialismus und Vertreibung ebenso wie von kommunistischer Diktatur und der gewaltsamen Unterdrückung geistiger Freiheit geprägt ist. Sie erinnert an die Verdrängung deutschsprachiger und jüdischer Kultur aus dem böhmischen Gedächtnis und an jene politischen Systeme, die Menschen nach Herkunft, Überzeugung oder Zugehörigkeit sortierten, entrechteten und vernichteten. Aus solchen Erfahrungen erwächst verständlicherweise das Misstrauen gegenüber jeder kollektiven Identität, die sich absolut setzt.


Doch zwischen dem berechtigten Misstrauen gegenüber der Vergötzung des Kollektivs und der grundsätzlichen Verdächtigung historisch gewachsener Zugehörigkeit liegt ein Unterschied, den der moralische Universalismus gern verwischt. Weil Nationen Verbrechen begangen haben, erscheinen Nationen als solche verdächtig. Weil Grenzen zur Ausgrenzung dienten, wird die Grenze selbst zum Problem. Weil Menschen im Namen ihrer Herkunft verfolgt wurden, soll die Herkunft möglichst jede politische Bedeutung verlieren. Der Weltbürger soll mehr Welt als Bürger sein.


Die Folgerung ist verführerisch, aber keineswegs zwingend. Aus dem Missbrauch einer Institution folgt nicht ihre grundsätzliche Illegitimität. Religionen haben Verfolgung gerechtfertigt, ohne dass daraus die Notwendigkeit ihrer Abschaffung folgt. Staaten haben Kriege geführt, ohne dass jede Staatlichkeit deshalb ein Verbrechen wäre. Familien können Orte der Unterdrückung sein, ohne dass die Familie als Lebensform dadurch widerlegt würde. Weshalb sollte ausgerechnet die Nation ausschließlich durch ihre geschichtlichen Verfehlungen definiert werden?


Denemarkovás Vorstellung, letztlich gebe es nur eine Grenze, nämlich jene zwischen einem Menschen und dem anderen, mag als moralische Mahnung einen nachvollziehbaren Sinn besitzen. Jeder Mensch ist zuerst Mensch, bevor er Tscheche, Deutscher, Jude oder Angehöriger irgendeiner politischen Gemeinschaft ist. Seine Würde hängt nicht vom Pass ab. Doch diese anthropologische Wahrheit erschöpft nicht die politische Wirklichkeit. Menschen werden nicht als abstrakte Träger universeller Ansprüche geboren, die sich erst nachträglich mit zufälligen kulturellen Eigenschaften ausstatten. Sie wachsen in Sprachen, Familien, Institutionen und Nationen hinein, durch die sie überhaupt lernen, sich selbst und andere zu verstehen.


Die Überwindung dieser Bindungen wäre deshalb keineswegs automatisch eine Befreiung – sie wäre ebenso Entwurzelung. Wer den Menschen von seiner Geschichte erlösen will, muss aufpassen, dass er ihm nicht gerade jene Voraussetzungen nimmt, unter denen seine Freiheit eine konkrete Gestalt gewinnt. Der Mensch ist nicht umso menschlicher, je weniger er irgendwo dazugehört.


Das macht Denemarková nicht zur Kommunistin. Ihr ausdrücklicher Antitotalitarismus verbietet eine solche Gleichsetzung. Aber ihr Denken berührt eine Versuchung, die keineswegs nur kommunistischen Utopien eigen ist: die Vorstellung, das historisch Gewordene sei vor allem eine Beschränkung, die der universelle Mensch hinter sich lassen müsse. Der kommunistische Neue Mensch, der radikal autonome Mensch bestimmter liberaler Theorien und der grenzenlose Weltbürger des moralischen Kosmopolitismus sind nicht identisch. Gemeinsam ist manchen ihrer Entwürfe jedoch die Hoffnung, der Mensch werde freier, wenn seine überlieferten Bindungen an Bedeutung verlieren.


Die Geschichte liefert für diese Hoffnung keine allgemeine Erfolgsgarantie. Gerade die Versuche, Menschen im Namen einer höheren Menschheit von ihren konkreten Zugehörigkeiten zu befreien, haben wiederholt neue Formen politischer Bevormundung hervorgebracht. Denn wo die vorhandene Wirklichkeit einem moralischen Ideal nicht entspricht, entsteht leicht der Wunsch, sie durch politische Erziehung, institutionellen Druck oder die Ausgrenzung widerspenstiger Vorstellungen an dieses Ideal anzupassen.


Die offene Gesellschaft braucht Grenzen


Besonders deutlich wird das Problem im Gegensatz zwischen offener Demokratie und geschlossener Gesellschaft. Er klingt nach Karl Popper und besitzt die rhetorische Überzeugungskraft einer Alternative, bei der sich die richtige Antwort bereits aus den verwendeten Begriffen ergibt. Wer möchte schon für eine „geschlossene Gesellschaft” eintreten, wenn ihm die „offene Demokratie” angeboten wird?


Nur bezeichnet Offenheit bei Popper nicht die Abschaffung politischer Grenzen. Sie meint die Korrigierbarkeit gesellschaftlicher Verhältnisse, die Freiheit der Kritik, die Kontrolle der Herrschenden und die Möglichkeit, Regierungen ohne Gewalt abzulösen. Eine offene Gesellschaft ist nicht deshalb offen, weil sie keine historisch bestimmte Identität mehr besitzt, sondern weil ihre Institutionen Widerspruch zulassen und ihre politischen Entscheidungen grundsätzlich revidierbar bleiben.


Daraus folgt ein Unterschied, der im zeitgenössischen politischen Sprachgebrauch immer häufiger verlorengeht: Eine Demokratie kann gegenüber der Welt offen und dennoch als politische Gemeinschaft begrenzt sein. Sie kann internationale Zusammenarbeit befürworten, ohne ihre Selbstbestimmung preiszugeben. Sie kann die Würde jedes Menschen anerkennen, ohne jedem Menschen dieselben politischen Mitwirkungsrechte einzuräumen. Sie kann Einwanderung ermöglichen und zugleich darüber entscheiden, unter welchen Voraussetzungen sie stattfindet.


Demokratie ist nicht die Abwesenheit von Grenzen, sondern die institutionalisierte Selbstregierung eines bestimmbaren politischen Gemeinwesens. Ohne ein solches Gemeinwesen fehlt jener Zusammenhang, innerhalb dessen Entscheidungen legitimiert, Verantwortlichkeiten zugerechnet und Regierungen abgewählt werden können. Die Frage, wer zum demokratischen Souverän gehört, lässt sich nicht dadurch beantworten, dass man ihre moralische Unbequemlichkeit beklagt.


Das deutsche Grundgesetz kennt diese Spannung ausdrücklich. Artikel 1 schützt die Würde des Menschen, Artikel 20 lässt die Staatsgewalt vom Volk ausgehen. Beide Bestimmungen gehören zur selben Verfassungsordnung. Der universelle Mensch des ersten Artikels hebt das demokratische Volk des zwanzigsten nicht auf. Ebenso wenig darf sich das Volk unter Berufung auf seine Souveränität über die Menschenwürde hinwegsetzen. Freiheit entsteht aus der schwierigen Vermittlung beider Prinzipien, nicht aus dem Sieg des einen über das andere.


Wer dagegen nationale Begrenzung bereits als Vorstufe gesellschaftlicher Geschlossenheit behandelt, verschiebt die politische Debatte auf ein moralisches Terrain, auf dem legitime demokratische Positionen vorschnell unter Verdacht geraten. Dann steht nicht mehr die Frage im Mittelpunkt, welche Einwanderungs-, Kultur- oder Europapolitik sachlich vertretbar ist, sondern ob ihre Vertreter überhaupt zur offenen Gesellschaft gehören.


Die Offenheit wird auf diese Weise paradoxerweise exklusiv. Sie schließt jene aus dem Kreis der moralisch Anerkannten aus, die ihrer bevorzugten Vorstellung von Offenheit widersprechen. Die geschlossene Gesellschaft beginnt dann womöglich nicht erst dort, wo Grenzen verteidigt werden, sondern dort, wo die Verteidigung von Grenzen nicht mehr als legitime demokratische Auffassung gelten soll.


Wenn die Demokratie vor ihren Wählern geschützt werden muss


An dieser Stelle gewinnt die Rede eine politische Aktualität, die weit über die tschechische Kulturpolitik hinausweist. Die Formel von der Verteidigung der Demokratie bezeichnet in Deutschland längst nicht mehr ausschließlich den Schutz ihrer rechtsstaatlichen Institutionen. Im politischen Sprachgebrauch wird sie gelegentlich auch zur Selbstbeschreibung eines Milieus, das seine eigenen Überzeugungen mit den Voraussetzungen demokratischer Legitimität identifiziert.


„Unsere Demokratie“ kann die gemeinsame Ordnung freier Bürger meinen. Sie kann aber auch einen Besitzanspruch ausdrücken, wenn bestimmte politische Kräfte beanspruchen, darüber zu entscheiden, welche Auffassungen noch innerhalb des demokratisch Zulässigen liegen. Die Unterscheidung ist fundamental. Im ersten Fall gehört die Demokratie allen, die ihre verfassungsmäßigen Spielregeln achten. Im zweiten Fall erscheint sie als politisches Projekt ihrer selbsternannten Hüter.


Damit entsteht ein bemerkenswerter Widerspruch. Eine Demokratie, deren Ergebnisse nur so lange als legitim gelten, wie sie den Erwartungen ihrer Verteidiger entsprechen, verliert einen wesentlichen Teil ihrer Offenheit. Sie wird zum Verfahren unter inhaltlichem Vorbehalt. Das Volk darf entscheiden, sofern es richtig entscheidet.


Selbstverständlich muss eine freiheitliche Ordnung ihre Institutionen gegen Bestrebungen schützen können, die ihre Abschaffung betreiben. Daraus folgt jedoch nicht, dass jede unerwünschte politische Entscheidung bereits eine Gefahr für die Demokratie darstellt. Zwischen verfassungsfeindlichem Handeln und demokratisch legitimierter Opposition besteht ein Unterschied, dessen Einebnung ausgerechnet jene politische Freiheit beschädigen kann, die geschützt werden soll.


Denemarková fordert keine Abschaffung freier Wahlen und keine staatliche Unterdrückung abweichender Meinungen. Ihre Gegenüberstellung von Offenheit und Geschlossenheit lässt jedoch eine entscheidende Frage unbeantwortet: Wie verhält sich der moralische Universalismus zu demokratischen Mehrheiten, die eine andere Vorstellung von nationaler Zugehörigkeit, kultureller Kontinuität oder politischer Integration vertreten?


Darf die offene Demokratie solche Entscheidungen hervorbringen, ohne dadurch ihren Charakter zu verlieren? Oder wird das Ergebnis bereits durch seine Abweichung vom universalistischen Ideal verdächtig? Die Antwort entscheidet darüber, ob Offenheit ein Prinzip demokratischer Verfahren bleibt oder zu einer politischen Weltanschauung wird, die sich selbst der demokratischen Entscheidung entzieht.


Die politisch erwünschte Freiheit der Literatur


Hier beginnt die zweite Grundspannung von Denemarkovás Rede. Die Schriftstellerin fordert, man müsse den Menschen an der Macht das Leben verkomplizieren. Literatur soll sich jeder ideologischen Vereinnahmung entziehen und zugleich politisch Stellung beziehen. Das klingt nach geistiger Unabhängigkeit, enthält aber eine Frage, die sie nicht beantwortet: Gegen welche Macht soll sich die Literatur richten, und wer entscheidet, wann ihre politische Einmischung erwünscht ist?


Macht begegnet dem Schriftsteller schließlich nicht nur als Regierung, Ministerium oder Polizei. Sie begegnet ihm ebenso als Verlag, Literaturpreisjury, öffentlich-rechtliche Redaktion, Kulturstiftung oder moralische Erwartung seines Publikums. Sie kann mit Verboten drohen oder mit Anerkennung locken. Gerade die zweite Form ist gefährlich, weil sie sich selten als Zwang zu erkennen gibt. Niemand muss einem Autor ausdrücklich verbieten, etwas Bestimmtes zu schreiben, wenn er zuverlässig weiß, welche Auffassungen seine Veröffentlichungschancen mindern und welche politischen Bekenntnisse ihm Beifall sichern.


Bei Denemarkovás Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse wurde dieser Unterschied sichtbar. Während der tschechische Kulturminister Oto Klempíř Proteste erlebte, erhielt die Schriftstellerin für ihre Kritik Zustimmung. Das sagt noch nichts darüber aus, ob ihre Kritik berechtigt war. Es zeigt aber, dass sie in diesem Moment gegen einen Regierungsvertreter sprach, ohne zugleich den Erwartungen ihres kulturellen Publikums zu widersprechen. Opposition gegen staatliche Macht und Unabhängigkeit gegenüber gesellschaftlicher Macht sind eben nicht dasselbe.


Genau hier liegt ihr eigentümliches Changieren zwischen ideologisch erwünschter Literarizität und literarisch eingeforderter Politizität. Die Literatur wird für ihre Unabhängigkeit gefeiert, soll diese aber vorzugsweise durch die politisch richtige Einmischung beweisen. Sie darf die Macht herausfordern, solange hinreichend klar ist, welche Macht gemeint ist. Ihre ästhetische Autonomie wird beschworen, während ihr zugleich ein moralischer Auftrag erteilt wird.


Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn Denemarková lediglich das Recht jedes Schriftstellers verteidigte, politische Überzeugungen zu vertreten. Autoren dürfen Kommunisten, Konservative, Liberale oder Kosmopoliten sein. Problematisch wird es, sobald die politische Haltung zum Maßstab literarischer Legitimität erhoben wird. Dann ist nicht mehr entscheidend, ob ein Werk Erfahrungen erschließt, Widersprüche gestaltet und Erkenntnis ermöglicht, sondern ob es auf der richtigen Seite steht.


Darin liegt eine historische Ironie. Auch die kommunistischen Kulturapparate verlangten von der Literatur gesellschaftliche Verantwortung, politische Haltung und die Mitwirkung an einem Fortschrittsprojekt. Das heutige kulturelle Meinungsklima mit staatlich erzwungenem sozialistischem Realismus gleichzusetzen, wäre vermessen. Doch die Versuchung, Kunst nach ihrer politischen Nützlichkeit zu beurteilen, überlebt den Wechsel der Machtverhältnisse. Sie benötigt nicht einmal eine Zensurbehörde, solange Anerkennung und Ausschluss ihre disziplinierende Wirkung entfalten.


Dass Denemarková zugleich vor Propaganda und Lüge warnt, ist angesichts ihrer historischen Erfahrungen verständlich. Doch auch hier gilt: Die Freiheit des Wortes besteht nicht darin, dass nur das als wahr Anerkannte gesagt werden darf. Gerade politische Urteile lassen sich selten auf die Alternative zwischen überprüfbarer Tatsache und Unwahrheit reduzieren. Ob nationale Zugehörigkeit demokratische Freiheit ermöglicht oder gefährdet, ist keine Frage, die eine moralische Instanz abschließend entscheiden könnte. Sie gehört in den öffentlichen Streit.


Die Literatur muss deshalb weder die Nation verteidigen noch ihre Überwindung betreiben. Sie muss auch nicht den Fortschritt bezeugen, die Demokratie pädagogisch absichern oder den Lesern die richtige Gesinnung vermitteln. Sie darf all dies zum Gegenstand machen, ohne sich darauf verpflichten zu lassen. Ihre Unabhängigkeit bewährt sich nicht schon darin, dass sie einer Regierung widerspricht, der das eigene Publikum ohnehin misstraut. Sie bewährt sich dort, wo sie auch den Gewissheiten ihrer Bewunderer widersprechen kann. Wer den Mächtigen das Leben komplizieren will, darf deshalb nicht bei jenen Mächtigen aufhören, die ihm Beifall spenden.


Böhmen bleibt Böhmen


Am Ende führen beide Grundspannungen auf dieselbe Frage zurück: Muss der Mensch seine geschichtlichen Bindungen überwinden, um frei zu werden, und muss die Literatur diese Überwindung befördern, um ihrer Freiheit gerecht zu werden? Beide Fragen lassen sich verneinen, ohne die universelle Menschenwürde oder die Unabhängigkeit der Kunst preiszugeben.


Der Mensch besitzt eine Würde, die seiner politischen Zugehörigkeit vorausgeht. Aber er verwirklicht seine Freiheit nicht außerhalb aller Zugehörigkeiten, sondern in konkreten Lebenszusammenhängen. Die Demokratie benötigt Offenheit für Kritik und Veränderung. Aber sie benötigt ebenso ein bestimmbares Gemeinwesen, dessen Bürger gemeinsam entscheiden und Verantwortung tragen.


Denemarkovás Rede gewinnt ihre Eindringlichkeit aus der Erinnerung an historische Gewalt und dem Wunsch, deren Wiederkehr zu verhindern. Ihre politische Verkürzung beginnt dort, wo aus dieser Erinnerung ein allgemeiner Verdacht gegen Begrenzung und Zugehörigkeit erwächst. Denn nicht jede Grenze ist eine Mauer, nicht jede Bindung eine Fessel und nicht jede Bewahrung ein Rückfall in die Vergangenheit.


Eine Kultur, die nur noch ihre eigene Überwindung als Fortschritt anerkennt, gerät in ein merkwürdiges Verhältnis zu ihrer Geschichte. Sie erinnert sich ihrer vor allem, um sich von ihr zu distanzieren. Sie bewahrt die Vergangenheit als Warnung, nicht mehr als mögliche Quelle von Zugehörigkeit und Orientierung. Aus dem geschichtlichen Erbe wird ein Archiv der Verfehlungen, dessen moralischer Sinn in der Aufforderung besteht, es hinter sich zu lassen.


Doch Europa ist nicht allein aus der Überwindung seiner Grenzen entstanden. Es ist ebenso aus der Ausbildung unterschiedlicher Sprachen, Rechtsordnungen, politischer Gemeinschaften und kultureller Überlieferungen hervorgegangen. Seine geistige Fruchtbarkeit beruhte nicht zuletzt darauf, dass diese Unterschiede miteinander in Beziehung traten, ohne vollständig ineinander aufzugehen. Begegnung setzt Verschiedenheit voraus. Und Verschiedenheit bleibt nur dort erfahrbar, wo nicht jede Besonderheit bereits als überwundene Vorstufe des Universellen gilt.


Das ist auch der tiefere Sinn der literarischen Metapher. Bachmanns Böhmen liegt am Meer, weil die Dichtung das Unmögliche sagen darf. Es ist ein Ort der Sehnsucht, nicht der administrativen Zuständigkeit. Seine Schönheit entsteht aus dem Abstand zur Wirklichkeit, nicht aus deren Verachtung.


Eine politische Ordnung dagegen muss mit Menschen leben, die nicht nur Sehnsüchte besitzen, sondern Erinnerungen, Interessen, Loyalitäten und widersprüchliche Vorstellungen vom guten Leben. Sie kann diese Unterschiede nicht durch einen moralischen Appell zum Verschwinden bringen. Und eine Literatur, die ihren Namen verdient, sollte gerade diese Widersprüche sichtbar machen, statt sie zugunsten einer einzigen politischen Erlösungserzählung aufzulösen.


Vielleicht liegt darin die eigentliche Zumutung an Denemarkovás Universalismus: die Möglichkeit anzuerkennen, dass Menschen ihre Freiheit nicht trotz, sondern auch wegen ihrer Zugehörigkeit lieben; dass demokratische Offenheit politische Begrenzung voraussetzen kann; und dass ein Schriftsteller gerade dann unabhängig handelt, wenn er den Gewissheiten seines eigenen Publikums widerspricht.


Die Literatur darf Böhmen ans Meer versetzen. Sie darf daraus aber keine Pflicht für die Böhmen ableiten, ihre Heimat zu verlassen. Und wer „den Mächtigen” das Leben verkomplizieren will, sollte nicht dort aufhören, wo die Macht beginnt, die ihm Beifall spendet.



Über den Autor: Thomas Hartung, geb. 1962 in Erfurt; promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig; der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute; Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Seit März 2020 ist er Pressesprecher der AfD-Fraktion Baden-Württemberg. Aktueller Buchtitel: Umerziehungsrepublik Buntland. Wider die Demontage des Eigenen. Gerhard Hess Verlag: Uhingen 2025




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