Thomas Hartung: DIE LIEBE DARF NICHT ÜBER DIE FRONTLINIE
Wie ein unveröffentlichter Roman aus Baden-Württemberg zum Opfer moralischer Gesinnungskontrolle wurde – und weshalb der Fall Molino mehr über unsere Gegenwart erzählt als über den Krieg in der Ukraine.

Es gibt Bücher, die verboten werden, weil sie gefährliche Gedanken enthalten. Es gibt Bücher, die verschwinden, weil ihre Verfasser in Ungnade gefallen sind. Und inzwischen gibt es Bücher, die gar nicht erst erscheinen, weil Menschen, die sie noch nicht gelesen haben, bereits zu wissen glauben, was darin nicht stehen darf. Der Fall des Sindelfinger Molino Verlags gehört zu dieser dritten, besonders zeitgemäßen Kategorie. Er handelt von einem Roman, der am 1. November erscheinen und am 7. November auf dem Bücherfestival in Baden-Baden vorgestellt werden sollte; von einer Autorin, die eine menschliche Geschichte erzählen wollte, und von einer Öffentlichkeit, die offenbar schon die Möglichkeit einer solchen Geschichte für einen moralischen Übergriff hält.
„Wer ich bin, wenn du mich siehst“ heißt das Buch von Juna Liebrecht, die hierfür ein Stipendium des Förderkreises der Schriftsteller in Baden-Württemberg erhalten hatte. Es erzählt von einer ukrainischen Zivilistin im russisch besetzten Cherson, die nach einer Explosion von einem russischen Soldaten gerettet wird und später eine Beziehung zu ihm entwickelt. Eine Konstellation, die selbstverständlich Fragen aufwirft: nach Schuld und Verantwortung, nach Abhängigkeit und Gewalt, nach der Möglichkeit persönlicher Nähe unter den Bedingungen militärischer Besatzung. Gerade deshalb wäre sie ein Gegenstand für Literatur gewesen. Denn Literatur beginnt nicht dort, wo die Verhältnisse eindeutig sind, sondern dort, wo Menschen mit Widersprüchen leben müssen, die sich durch politische Parolen nicht beseitigen lassen.
Doch dazu wird es vorerst nicht kommen. Nach heftigen Protesten in sozialen Netzwerken hat der Verlag die Veröffentlichung auf Wunsch der Autorin abgesagt. Verleger Matthias Slunitschek berichtete in der WELT von einer Flut kritischer Nachrichten und äußerte den Eindruck, es könne sich um eine organisierte Aktion handeln. Ob das tatsächlich der Fall war, ist nicht belegt. Belegt ist dagegen das Ergebnis: Ein angekündigter Roman wird nicht erscheinen, weil seine erzählerische Ausgangssituation öffentlich unter moralischen Verdacht geraten ist.
Der kulturpolitische Sprecher der baden-württembergischen AfD-Landtagsfraktion, Uwe von Wangenheim, hat dazu einen Satz gefunden, der über den konkreten Vorgang hinausweist: „Die Freiheit der Kunst bewährt sich nicht an gefälligen Geschichten, sondern an denen, die Widerspruch hervorrufen.“ Das ist mehr als eine Verteidigung verlegerischer Entscheidungsfreiheit. Es ist eine Erinnerung daran, dass die Kunst ihre eigentliche Aufgabe verfehlt, sobald sie nur noch illustrieren darf, was politisch ohnehin als richtig gilt.
Der Verdacht ersetzt die Lektüre
Bemerkenswert an der Affäre ist zunächst ihre zeitliche Reihenfolge. Nicht ein gelesenes Werk hat einen Streit ausgelöst, sondern dessen Ankündigung. Die literarische Auseinandersetzung wurde durch die moralische Vorprüfung ersetzt. Ein Klappentext genügte, um die Erzählung als problematisch zu markieren. Dass der russische Soldat als Retter und möglicher Liebespartner erscheint, wurde als Gefahr einer Romantisierung von Krieg und Besatzung verstanden.
Dieser Einwand ist nicht von vornherein unsinnig. Eine Besatzung schafft Machtverhältnisse, in denen die Freiwilligkeit menschlicher Beziehungen durchaus zweifelhaft sein kann. Wer darüber schreibt, muss sich der historischen und moralischen Dimension seines Stoffes bewusst sein. Aber genau diese Fragen wären an den Roman zu richten gewesen: Wie gestaltet er die Abhängigkeit? Verharmlost er Gewalt? Entlastet er den Soldaten von seiner Verantwortung? Oder macht er gerade sichtbar, dass persönliche Zuneigung politische Schuld nicht aufhebt?
Der Ankündigungstext legt zumindest Letzteres nahe. Dort heißt es ausdrücklich, Liebe könne weder Gewalt noch Schuld auflösen. Damit ist die moralische Spannung nicht verdrängt, sondern zum Gegenstand der Geschichte erklärt. Ob die literarische Umsetzung diesem Anspruch gerecht wird, lässt sich ohne Kenntnis des Manuskripts nicht beurteilen.
Die Proteste zeigen deshalb eine eigentümliche Umkehrung des kulturellen Verfahrens.
Früher las man ein Buch, um sich anschließend ein Urteil darüber zu bilden. Heute kann schon der Verdacht, ein Buch könnte die falschen Empfindungen auslösen, genügen, um seine Veröffentlichung zu verhindern. Der mögliche Leser wird durch den tatsächlichen Ankläger ersetzt; an die Stelle ästhetischer Kritik tritt die Forderung nach präventiver Unbedenklichkeit.
Das ist eine entscheidende Verschiebung. Denn ein Kunstwerk muss sich nicht dadurch legitimieren, dass es jede denkbare Fehlinterpretation ausschließt. Wer diesen Maßstab anlegt, schafft die Kunst als eigenständige Erkenntnisform ab und verwandelt sie in eine Unterabteilung politischer Öffentlichkeitsarbeit.
Die neue Macht des moralischen Publikums
Der Begriff Cancel Culture ist inzwischen so häufig gebraucht worden, dass er selbst unter Verdacht geraten ist. Manche halten ihn für eine Erfindung gekränkter Konservativer, die Kritik nicht ertragen könnten. Andere verwenden ihn für jede scharfe Auseinandersetzung, jeden Boykott und jede verlorene Debatte. Beides verstellt den Blick auf das eigentliche Problem.
Nicht jede öffentliche Kritik ist Zensur. Niemand besitzt einen Anspruch darauf, widerspruchslos veröffentlicht, beworben oder gefeiert zu werden. Auch der Molino Verlag wurde, soweit bekannt, nicht durch eine staatliche Behörde zur Absage gezwungen. Die Autorin selbst hat den Rückzug gewünscht. Wer hier schlicht von einem staatlichen Buchverbot spräche, würde den Vorgang falsch beschreiben.
Gerade darin liegt jedoch seine kulturgeschichtliche Bedeutung. Die moderne Gesinnungskontrolle benötigt nicht unbedingt einen Zensor mit Amtsstempel. Sie funktioniert häufig über die Erwartung möglicher Reputationsschäden, über digitale Empörungswellen und über die Angst kleiner Institutionen, einem moralischen Konflikt wirtschaftlich oder persönlich nicht gewachsen zu sein.
Ein Verlag ist kein abstraktes Prinzip, sondern ein Unternehmen mit Mitarbeitern, Autoren, Kunden und begrenzten Ressourcen. Wenn seine Kommunikationskanäle mit Vorwürfen überflutet werden, kann der Druck real sein, selbst wenn jede einzelne Nachricht unter die Meinungsfreiheit fällt. Der Mechanismus entsteht aus der Summe der Interventionen und ihrer vorhersehbaren Folgen.
Die eigentliche Macht liegt dann nicht im juristischen Verbot, sondern in der Verinnerlichung der drohenden Sanktion. Ein Buch wird zurückgezogen, bevor ein Gericht darüber entscheidet. Eine Einladung wird widerrufen, bevor ein Veranstalter seinen Gast verteidigen muss. Eine Formulierung wird gestrichen, bevor jemand öffentlich Anstoß nehmen kann. Der äußere Zwang verwandelt sich in innere Vorsicht.
Diese Form kultureller Disziplinierung ist besonders wirksam, weil sie ihre Spuren verwischt. Am Ende hat niemand etwas verboten. Der Verlag hat entschieden, die Autorin hat zugestimmt, die Kritiker haben lediglich ihre Meinung gesagt. Jeder einzelne Schritt erscheint freiwillig. Und dennoch ist ein Werk aus dem öffentlichen Raum verschwunden.
Wenn der Mensch seine Uniform nicht ablegen darf
Noch aufschlussreicher ist der Gegenstand des Romans. Ein russischer Soldat rettet eine ukrainische Frau. Zwischen beiden entsteht eine Beziehung. Schon diese Konstellation scheint manchen unerträglich, weil sie den Soldaten nicht ausschließlich als Vertreter eines angreifenden Staates zeigt. Damit berührt der Fall eine Frage, die weit über den Ukrainekrieg hinausreicht: Darf ein Mensch in der Kunst mehr sein als die politische Rolle, die ihm die Geschichte, hier gar die Zeitgeschichte, zugewiesen hat?
Der russische Angriff auf die Ukraine ist trotz aller geopolitischer Wirren ein Bruch des Völkerrechts. Aus dieser Feststellung folgt jedoch nicht, dass jeder russische Soldat in jeder literarischen Szene ausschließlich als Verkörperung des Bösen auftreten müsste. Ebenso wenig folgt aus der ukrainischen Opfererfahrung, dass jede ukrainische Romanfigur nur Gefühle empfinden dürfte, die dem politischen Erwartungshorizont ihrer Unterstützer entsprechen. Wer Literatur auf solche Vorgaben verpflichtet, verwechselt moralische Klarheit über einen Krieg mit moralischer Eindeutigkeit sämtlicher Menschen, die in ihm handeln. Das eine ist möglich und notwendig. Das andere ist eine anthropologische Verarmung.
Die großen Erzählungen über Krieg, Feindschaft und Gewalt leben davon, dass der Mensch nicht restlos in seiner Uniform aufgeht. Er kann Schuld auf sich laden und dennoch zu Mitgefühl fähig sein. Er kann einem verbrecherischen System dienen und in einer konkreten Situation etwas Gutes tun. Er kann lieben, ohne dadurch unschuldig zu werden. Gerade die Unauflösbarkeit solcher Widersprüche macht ihn zum Gegenstand tragischer Literatur.
Eine Erzählung, in der ein russischer Soldat ausschließlich grausam und eine ukrainische Zivilistin ausschließlich edel handelt, wäre politisch leicht einzuordnen. Sie wäre damit aber nicht notwendig wahrhaftiger. Denn menschliche Wahrheit entsteht nicht aus der korrekten Verteilung von Sympathie, sondern aus der Fähigkeit, auch dort hinzusehen, wo unsere Kategorien unsicher werden.
Die Liebesgeschichte zwischen Feinden ist kein neuer literarischer Einfall. Seit der Antike gehört sie zum Vorrat jener Konstellationen, mit denen Dichtung die Starrheit gesellschaftlicher Grenzen prüft. Romeo und Julia zeigen prototypisch, dass sie nicht versöhnlich enden muss. Oft liegt ihre Tragik gerade darin, dass persönliche Nähe die objektiven Gegensätze nicht überwinden kann. Dass eine solche Konstellation heute bereits als Ausgangspunkt einer Erzählung anstößig sein soll, verrät eine merkwürdige Verengung des moralischen Vorstellungsvermögens.
Die Verwechslung von Darstellung und Zustimmung
Im Zentrum der gegenwärtigen Empörungskultur steht ein grundlegender Denkfehler: Was dargestellt wird, gilt zunehmend als gebilligt. Wer einem Täter menschliche Eigenschaften verleiht, steht unter dem Verdacht, ihn entschuldigen zu wollen. Wer eine unerwünschte Beziehung erzählt, soll sie legitimieren. Wer einer politisch missliebigen Figur eine Stimme gibt, muss sich rechtfertigen, warum diese Stimme überhaupt hörbar werden darf. Damit wird die Unterscheidung zwischen Autor, Erzähler und Figur eingeebnet, auf der jede ernsthafte Literaturbetrachtung beruht.
Ein Roman ist kein Regierungsprogramm. Seine Figuren müssen keine moralisch vorbildlichen Bürger sein. Ihre Gedanken sind nicht notwendig die Gedanken des Autors, ihre Entscheidungen keine Empfehlungen an das Publikum. Literatur darf Menschen zeigen, die irren, sündigen, sich täuschen, einander verletzen oder aus Gründen lieben, die niemand vernünftig nennen würde.
Man muss nur einen Augenblick überlegen, was von der Weltliteratur übrig bliebe, wenn ihre Handlungen vorab nach dem Maßstab politischer Vorbildlichkeit geprüft würden. Ehebruch, Verrat, Gewalt, religiöser Fanatismus, Klassenhass, erotische Abhängigkeit und politische Verblendung gehören seit Jahrhunderten zu ihren Gegenständen. Nicht weil die Literatur all dies gutheißt, sondern weil sie den Menschen gerade in seiner Gefährdung erkennen will.
Die moralische Kritik darf selbstverständlich fragen, ob eine Darstellung gelingt. Sie darf Verharmlosungen benennen und historische Verzerrungen nachweisen. Aber dazu muss sie sich auf das Werk einlassen. Wer bereits die Möglichkeit einer bestimmten Handlungskonstellation verwirft, betreibt keine Kritik mehr, sondern reguliert den Bereich des überhaupt Erzählbaren.
Das Ergebnis ist eine Literatur, deren Figuren zunehmend wissen müssen, was sie nach den Maßstäben der Gegenwart zu denken und zu fühlen haben. Sie dürfen kompliziert sein, solange ihre Komplikationen die richtige Botschaft bestätigen. Sie dürfen Grenzen überschreiten, solange es die politisch erwünschten Grenzen sind. Aus der Freiheit der Imagination wird so die Pflicht zur moralischen Wiedererkennbarkeit.
Die empfindsame Gesellschaft und ihre blinden Flecken
Der Fall Molino ist auch deshalb bemerkenswert, weil er im Namen von Sensibilität ausgetragen wird. Die Kritiker berufen sich auf das Leid ukrainischer Zivilisten und die Gefahr, eine militärische Besatzung zu verharmlosen. Dieses Leid ist real. Es verdient Aufmerksamkeit und Respekt. Aber Sensibilität ist kein Freibrief, die Deutungshoheit über fremde Kunstwerke zu beanspruchen.
Das Leid von Menschen begründet einen Anspruch auf ernsthafte Auseinandersetzung, nicht automatisch ein Vetorecht gegen jede fiktionale Gestaltung ihres historischen Umfelds. Sonst gerät die Kunst in eine unlösbare Lage. Je schrecklicher ein Ereignis, desto weniger dürfte sie darüber erzählen, sofern ihre Erzählung nicht bereits vorab den richtigen moralischen Ausgang garantiert. Gerade jene Erfahrungen, die nach literarischer Durchdringung verlangen, würden dem Zugriff der Imagination entzogen.
Hinzu kommt eine auffällige Asymmetrie. Unsere Kultur feiert gewöhnlich die Überschreitung traditioneller Grenzen. Liebe soll sich über Herkunft, Stand, Religion und gesellschaftliche Erwartungen hinwegsetzen dürfen. Das Individuum gilt als souverän, wenn es sich gegen die Zumutungen seines Milieus behauptet. Sobald jedoch eine Beziehung die gegenwärtigen politischen Freund-Feind-Linien berührt, kann dieselbe Grenzüberschreitung plötzlich als moralisch verdächtig erscheinen.
Offenbar sind nicht alle Grenzen gleichermaßen zur Überschreitung freigegeben. Darin zeigt sich ein Widerspruch einer Gesellschaft, die sich selbst für radikal offen hält, zugleich aber immer genauer festlegt, welche Empfindungen öffentlich legitim sind. Die Freiheit des Einzelnen wird gefeiert, solange sie die herrschende moralische Ordnung bestätigt. Sobald sie deren Kategorien durcheinanderbringt, verwandelt sich Offenheit in Aufsicht.
Eine konservative Kulturkritik muss an dieser Stelle nicht behaupten, jede Provokation sei bereits ein Kunstwerk. Sie muss auch nicht jede Grenzüberschreitung begrüßen. Aber sie sollte darauf bestehen, dass zwischen der sittlichen Bewertung einer Handlung und der Freiheit ihrer künstlerischen Darstellung unterschieden wird. Gerade wer an moralische Maßstäbe glaubt, darf nicht so tun, als könne die Literatur nur durch deren permanente Bestätigung zu Erkenntnissen gelangen.
Die Kapitulation der Vermittler
Die eigentliche Niederlage in der Molino-Affäre liegt deshalb weniger bei den Kritikern als bei den kulturellen Vermittlern. Ein Verlag ist nicht nur eine Produktionsstätte für bedrucktes Papier. Er entscheidet, welche Texte aus der Privatheit eines Manuskripts in die Öffentlichkeit gelangen. Er übernimmt damit eine Verantwortung, die über Marktgängigkeit und Werbewirkung hinausgeht.
Natürlich darf ein Verlag Projekte einstellen. Natürlich können Autorinnen ihre Manuskripte zurückziehen. Die konkreten Beweggründe beider Seiten kennen wir nur aus ihren öffentlichen Erklärungen. Doch wenn ein bereits angekündigter Roman infolge digitaler Proteste nicht erscheint, stellt sich unweigerlich die Frage, wie belastbar die verlegerische Überzeugung zuvor gewesen ist.
Wer ein Buch veröffentlichen will, sollte dessen Stoff kennen. Wer eine Geschichte über Krieg, Besatzung und eine Beziehung zwischen Angehörigen verfeindeter Seiten annimmt, muss damit rechnen, dass sie Widerspruch hervorruft.
Dieser Widerspruch ist kein unvorhersehbarer Betriebsunfall, sondern liegt im Gegenstand selbst. Gerade kleine Verlage befinden sich dabei in einer schwierigen Lage. Ihnen fehlen häufig die finanziellen Reserven und die professionelle Krisenkommunikation großer Medienunternehmen. Es wäre billig, vom sicheren Schreibtisch aus grenzenlosen Mut zu verlangen. Dennoch bleibt die Frage bestehen, ob kulturelle Institutionen ihren Auftrag noch erfüllen können, wenn bereits ein konzentrierter digitaler Protest genügt, um eine Veröffentlichung zu verhindern.
Das Problem wird durch die Logik sozialer Netzwerke verschärft. Dort zählt nicht die Qualität des Arguments, sondern seine Reichweite. Empörung ist leichter zu organisieren als sorgfältige Lektüre. Der Vorwurf lässt sich in wenigen Sekunden verbreiten; seine Prüfung benötigt Zeit. Und während die Verteidigung eines Werkes dessen Kenntnis voraussetzt, genügt für seine Verurteilung oft ein isolierter Satz.
So entsteht eine strukturelle Überlegenheit der Anklage. Sie muss nichts beweisen, sondern nur eine hinreichend große Reputationsgefahr erzeugen. Der Verlag dagegen muss im Zweifel erklären, warum er überhaupt bereit ist, ein umstrittenes Buch zu veröffentlichen. Eine solche Öffentlichkeit begünstigt nicht das bessere Argument, sondern die geringere Risikobereitschaft.
Der lange Schatten der Selbstzensur
Die Folgen reichen weit über diesen einzelnen Roman hinaus. Der gefährlichste Effekt der Cancel Culture besteht nicht darin, dass gelegentlich ein Werk zurückgezogen wird. Er besteht darin, dass andere Autoren, Lektoren und Verleger daraus lernen. Wer beobachtet, wie ein angekündigtes Buch zum Gegenstand einer Empörungswelle wird, wird beim nächsten Manuskript vorsichtiger sein. Vielleicht wird er die heikle Figur verändern, die problematische Szene streichen oder den Stoff ganz vermeiden. Nicht weil jemand es ausdrücklich verlangt, sondern weil er weiß, welche Schwierigkeiten andernfalls entstehen könnten.
Solche Entscheidungen bleiben unsichtbar. Niemand kann zählen, wie viele Romane nicht geschrieben, wie viele Theaterstücke nicht inszeniert und wie viele Gedanken nicht veröffentlicht werden, weil ihre Urheber die erwartbaren Konflikte scheuen. Gerade deshalb ist die Selbstzensur kulturell so schwer zu bekämpfen. Ein verbotenes Buch lässt sich benennen. Ein nicht geschriebenes Buch besitzt weder Titel noch Verteidiger.
In einer freiheitlichen Ordnung muss der Staat die Veröffentlichung eines Romans nicht garantieren. Er muss aber die Bedingungen schützen, unter denen künstlerische Freiheit möglich bleibt. Und die Gesellschaft muss lernen, zwischen Kritik und dem Wunsch nach Beseitigung des Kritisierten zu unterscheiden.
Das verlangt keine Harmonie. Im Gegenteil: Eine lebendige Kultur benötigt Streit. Sie benötigt Leser, die sich empören, Kritiker, die widersprechen, und Autoren, die sich irren dürfen. Sie benötigt jedoch auch Institutionen, die einen solchen Streit aushalten, ohne ihn vorsorglich durch das Verschwinden seines Gegenstandes zu beenden. Die Vorstellung, kulturelle Konflikte ließen sich durch Rückzug befrieden, ist eine Illusion. Sie verschiebt lediglich die Grenze dessen, was beim nächsten Mal noch veröffentlicht werden kann.
Wer darf noch Mensch sein?
Vielleicht liegt die tiefste Ironie des Falls im Titel des verhinderten Romans: „Wer ich bin, wenn du mich siehst“. Er fragt nach dem Unterschied zwischen einer äußeren Zuschreibung und dem Menschen, der dahinter sichtbar werden könnte. Nach der Möglichkeit, jemanden anders wahrzunehmen, als es seine Zugehörigkeit, seine Uniform oder seine Stellung in einem historischen Konflikt nahelegt. Genau diese Möglichkeit scheint der Geschichte nun zum Verhängnis geworden zu sein.
Denn die moralisch sortierte Gegenwart will häufig gar nicht mehr wissen, wer jemand ist, wenn man ihn wirklich ansieht. Sie will wissen, auf welcher Seite er steht. Die politische Zuordnung soll die menschliche Wahrnehmung ersetzen. Wer zum falschen Lager gehört, darf nicht durch eine unerwartete Handlung irritieren. Wer als Opfer gilt, soll sich so verhalten, wie man es von einem Opfer erwartet. Das ist nicht nur eine Verarmung der Literatur. Es ist eine Verarmung unseres Menschenbildes.
Die europäische Erzähltradition hat immer wieder davon gelebt, dass der Einzelne größer oder kleiner, edler oder verwerflicher sein kann als die Gruppe, der er angehört. Sie kennt den schuldigen Wohltäter (Jean Valjean) und den unschuldigen Verräter (Antigone), den liebenden Feind (Rüdiger von Bechelaren) und den grausamen Freund (Jago). Ihre Figuren entziehen sich der vollständigen politischen Verrechnung, weil Menschen keine bloßen Repräsentanten abstrakter Kollektive sind. Wer ihnen diese Mehrdeutigkeit nimmt, gewinnt vielleicht eindeutige Botschaften, verliert aber den Zugang zu jener widersprüchlichen Wirklichkeit, aus der Literatur entsteht.
Der Molino Verlag hätte einen Roman veröffentlichen können, über dessen Qualität anschließend gestritten worden wäre. Vielleicht hätte man ihn als kitschig verworfen, als historisch unglaubwürdig kritisiert oder als moralisch unsensibel bezeichnet. Vielleicht hätte er Leser überzeugt, gerade weil er einfache Urteile verweigert. All das wäre Teil eines normalen literarischen Lebens gewesen. Stattdessen bleibt zunächst ein ungelesenes Buch und eine Debatte über das, was es angeblich bedeutet.
Der Vorgang zeigt, wie weit sich eine Kultur von ihrem eigenen Freiheitsversprechen entfernen kann, ohne ein einziges Verbot auszusprechen. Es genügt, wenn genügend Menschen den Anspruch erheben, vor der Zumutung einer unerwünschten Erzählung bewahrt zu werden, und genügend Institutionen diesem Anspruch nachgeben.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob eine ukrainische Frau einen russischen Soldaten lieben darf. In der Literatur darf sie es selbstverständlich, und ebenso selbstverständlich darf diese Liebe scheitern, zerstörerisch sein oder sich als Täuschung erweisen. Die entscheidende Frage lautet, ob wir noch bereit sind, von Menschen zu lesen, deren Gefühle nicht unserer politischen Erwartung entsprechen.
Eine Gesellschaft, die darauf mit Nein antwortet, hat nicht den Krieg aus der Literatur verbannt. Sie hat nur dessen Freund-Feind-Denken in die Literatur hineingetragen. Und dort, wo die Dichtung eigentlich den Menschen hinter der Uniform sichtbar machen könnte, lässt sie schließlich nur noch die Uniform gelten.
Über den Autor: Thomas Hartung, geb. 1962 in Erfurt; promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig; der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute; Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Seit März 2020 ist er Pressesprecher der AfD-Fraktion Baden-Württemberg. Aktueller Buchtitel: Umerziehungsrepublik Buntland. Wider die Demontage des Eigenen. Gerhard Hess Verlag: Uhingen 2025
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