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Thomas Hartung: VOM HELDEN- ZUM HEULSTAAT

  • 1. Nov. 2025
  • 12 Min. Lesezeit

Ferdinand Mount und sein German-Fanboy Richard Kämmerlings feiern große Gefühle statt großer Taten. Über die sentimentale Revolution, den Verlust der Härte und die Ästhetik der Gegenwehr.





Wir leben in einer Epoche, die ihre Zärtlichkeit für Fortschritt hält. Empathie ist zur Währung geworden, Betroffenheit zum politischen Kapital. Die Gegenwart liebt ihre Tränen, ihre Diskurse, ihre Mikroverletzungen. Man kann selbst in einem Stuttgarter Stadtbahnhof kaum zehn Schritte gehen, ohne auf Plakate zu stoßen, die die moralische Erweckung der Passagiere beschwören – und je mehr es gegen Jahresende geht, desto intensiver: Rette, spende, rette nochmals. Die Öffentlichkeit gleicht einem kollektiven Therapiegespräch, in dem das Leiden der Welt zum Hauptnarrativ geworden ist.


Was der britische Essayist Ferdinand Mount jetzt in Soft. A Brief History of Sentimentality (Bloomsbury 2025) als „sentimentale Revolution“ bezeichnet hat – die kulturgeschichtliche Vorrangstellung des Gefühls gegenüber der Tat, der Empfindsamkeit gegenüber der Entschlossenheit –, ist nicht einfach ein modisches Phänomen. Sie ist die unterschwellige Bewegung, die das Abendland in den letzten Jahrhunderten umgepolt hat.

Mount beschreibt drei große Wellen: die höfische Minnekultur des 12. Jahrhunderts, die Empfindsamkeit des 18. Jahrhunderts und die massenmediale Rührseligkeit des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Seine Diagnose: Das „Soft“ habe das „Hard“ abgelöst; Mitgefühl, Tränen und Sentiment sind die neuen Symbole menschlicher Zivilisation. Es ist eine anrührende, aber gefährliche These. Denn: jede „Revolution des Gefühls“ trägt in sich den Keim der Selbstentwaffnung.


Mounts Erzählung beginnt mit den Troubadours, mit Chrétien de Troyes, mit Tristan und Isolde. Er deutet diese erste sentimentale Welle als einen kulturellen Bruch: Der Ritter, der zuvor kämpfte, lernt nun zu lieben; das Schwert wird von der Leier abgelöst. Damit wird die Empfindung zur sozialen Tugend. Doch hinter dieser Verfeinerung lauert eine Ambivalenz. Die mittelalterliche Minne ist nicht einfach Romantik, sie ist eine Sublimierung der Gewalt. Der Krieger trägt den Schmerz des Verzichts wie eine neue Form der Tapferkeit. Insofern war schon die erste Sentimentalität eine verkleidete Härte.


Die Moderne jedoch verlor diese dialektische Spannung. Was einst Ausdruck der Kraft war – die Fähigkeit zu fühlen, ohne zu verfallen –, wurde zur Weichzeichnung der Welt. Das Pathos der Empfindsamkeit, das Autoren von Rousseau über Dickens oder Turgenjew bis zu den französischen Naturalisten mit Zola an der Spitze verkörperten, führte schleichend zu einer Kultur der moralischen Rührung. In Deutschland hieß sie „Empfindsamkeit“. Aus der Fähigkeit zum Mitfühlen wurde die Pflicht zum Mitleid, aus dem Mitleid eine Pädagogik der Gefühle. Die Sentimentalität war nicht mehr ästhetisch, sondern ethisch.


Selbstscham als Ersatzfrömmigkeit


Mounts dritte Welle – die Pop-Epoche – beginnt mit den Beatles und endet in der globalisierten Gefühlsökonomie der Gegenwart. „We are the world“, sangen die Achtziger; „Imagine“, predigte John Lennon. Und in „Two tribes” von Frankie Goes to Hollywood heißt es sendungsbewusst: „Für mich dreht sich alles um die Liebe – ja / Ich sorge dafür, dass ihr euch wieder gut fühlt”. Musik und Politik verschmolzen zur moralischen Emulsion, das Publikum wurde zum Chor der Weltverbesserung. Was Mount noch als humane Errungenschaft feiert, ist in Wahrheit die Geburt der „emotionalen Industriegesellschaft“. Gefühle werden produziert, vermarktet, dosiert. Die Werbung verkauft Mitleid, das Streamingformat verkauft Anteilnahme. Der Mensch ist Konsument seiner eigenen Rührung geworden.


In seiner Rezeption von Mounts Opus, wie sie der deutsche Literaturkritiker Richard Kämmerlings Anfang Oktober in der WELT unter dem bezeichnenden Titel „Warum softe Männer besser für das Überleben der Menschheit sind“ darlegte, wird diese historische Pendelbewegung zwischen Härte und Weichheit als zyklisch und progressiv gefeiert. Kämmerlings argumentiert, dass Perioden der Emotionalität – wie die des 18. Jahrhunderts mit Romanen von Samuel Richardson oder Goethe – echte soziale Fortschritte ermöglichten, etwa durch die Förderung von Mitgefühl und Sensibilität. Er hebt hervor, wie Mount die „sentimentale Revolution“ als Befreiung von maskuliner Gefühlskälte sieht, die in Epochen wie den Glaubenskriegen oder den Weltanschauungskämpfen des 20. Jahrhunderts dominierte, und plädiert dafür, dass Weichheit, symbolisiert durch Tränen und Anteilnahme, die Menschheit vor Rückschritten bewahrt.


Kämmerlings klärt begriffliche Nuancen, etwa die positive Konnotation von „sentimental“ im Englischen als „empfindsam“ oder „mitfühlend“, warnt vor einer Verwechslung mit Überempfindlichkeit, die er als Gegenteil wahrer Sentimentality betrachtet. Zugleich integriert er Mounts These in einen aktuellen Kontext, indem er Beispiele aus Popkultur und Politik anführt, wie die öffentlichen Tränen von Politikern oder die Rührseligkeit in Reality-Shows: Der deutsche Kulturbetrieb ist hierfür die perfekte Bühne. Nichts rührt das Publikum so zuverlässig wie Schuld, Betroffenheit, Selbstanklage. Das „Sich-Schämen“ ist zur nationalen Ersatzfrömmigkeit geworden, was er mit der Rückkehr zur Härte durch „Manfluencer“ kontrastiert.


Letztlich radikalisiert Kämmerlings Mounts Position, indem er argumentiert, dass Mitgefühl nicht heuchlerisch ist, sondern rational – „Eine Träne ist eine Sache der Vernunft“ – und „essenziell“ für eine bestimmte Fortschrittsauffassung, für die er die Paralympics nennt: Empathie führe hier zu Respekt und Bewunderung für Behinderte. „Wir sprechen auch nicht mehr von Einfühlungsvermögen und Einfühlsamkeit, was unglaublich präzise Empfindungswörter sind, sondern von Empathie”, ärgerte sich dagegen jüngst Roland Kaehlbrandt in der NZZ. „Alle sind empathisch, jeder zeigt Empathie. Das Wort hat einen medizinisch-therapeutischen Klang im Gegensatz zu den alten deutschen Empfindungswörtern”.


Weichheit als unhinterfragbare Tugend


Diese positive Aufnahme durch Kämmerlings unterstreicht jedoch genau die Gefahr, die Mounts These birgt: Sie verklärt die Weichheit zu einer unhinterfragbaren Tugend, ohne die notwendige Dialektik zur Härte anzuerkennen. Während Kämmerlings die sentimentale Revolution als humanen Triumph feiert, der von der Pietà hin zu modernen Sozialromanen von Hans Fallada über Gisela Elsner bis Christian Baron reicht, ignoriert er, dass jede Überbetonung des Gefühls zu einer Kultur der Manipulation führt – einer „emotionalen Geiselnahme“, wie er selbst andeutet, die den Verstand verdrängt und gesellschaftliche Resilienz untergräbt.


Doch jede Epoche des Weichen gebiert ihre Gegenkräfte. Schon in der ersten Sentimentalität stand die asketische Härte des mittelalterlichen Mönchs. Im 18. Jahrhundert antwortete Friedrich der Große auf die Empfindsamkeit mit preußischer Disziplin. Und im 20. Jahrhundert erhob sich – tragisch und gefährlich – die Ästhetik der Tat gegen das Pathos der Rührung. Ernst Jünger war der erste Diagnostiker dieses Umschlags. In seinem „Arbeiter“ (1932) entwarf er das Bild eines Menschen, der sich gegen die Auflösung im Gefühl wappnet, indem er sich in Form bringt. „Der Mensch der Arbeit“, schreibt Jünger, „kennt keine Träne, weil er im Stahl lebt.“


Das war kein Ruf zur Grausamkeit, sondern zur Selbstbeherrschung. Härte bedeutete hier nicht Brutalität, sondern Gestalt – die Fähigkeit, der Welt standzuhalten. Auch Gottfried Benn formulierte das in seiner knappen, chirurgischen Sprache: „Du bist das Messer, nicht die Wunde.“ Härte ist nicht Gefühlskälte, sondern Formprinzip. In der Musik hat sich diese Gegenbewegung bis in die Populärkultur fortgesetzt: Stichwort Neue Deutsche Härte NDH, die zu Beginn der 1990er Jahre aufkam und aus der sich Mitte der 2000er Jahre ein eigener popkultureller Musikstil ausbildete.


Ästhetische Mobilmachung


Bands wie „Laibach”, „Die Krupps” oder „Ministry” stehen am Anfang dieser Entwicklung, „Oomph!” zählt zu den frühen erfolgreichen Vertretern, später „Ost+Front”, „Stahlmann” oder „Schweisser”, deren Titel Eisenkopf an Jünger gemahnt: „Das bringt mich nicht um, ich werd‘s überleben / Keine Träne, ich bin stark, das macht mich nur hart.“ Aber auch Bands der „Schwarzen Szene” gehörten zeitweise dazu: „Subway to Sally”, „Atrocity”, „Tanzwut”, „In Extremo” oder Joachim Witt. Auch die „Böhsen Onkelz” haben, auf rohere Weise, dasselbe getan: Sie haben das Ungebrochene, das Direkte, das Anti-Therapeutische bewahrt. In einer Kultur, die jede Wunde als Identität ausstellt, singen sie von der Faust, nicht vom Pflaster.


Andreas Speit erkannte eine „ästhetische Mobilmachung” – wogegen, verschwieg er. „Rammstein” ist der ästhetische Nachfahre dieser deutschen Formidee. Ihre Bühnensprache – Feuer, Stahl, Kommandoton – ist kein Faschismus, wie Kritiker gern unterstellen, sondern das letzte Echo jener abendländischen Disziplin, die Körper, Klang und Schmerz in Einheit bringt. Wo die Gegenwart auf Sentimentalität setzt, antwortet „Rammstein” mit Form.


„Wer die Nähe zum Faschismus bei solchen Gruppen in irgendwelchen Textzeilen oder Interviewpassagen sucht, ist immer schon auf der falschen Fährte”, schrieb Martin Büsser bereits 2001. „Sie manifestiert sich viel subtiler und zugleich viel offensichtlicher auf der rein ästhetischen Ebene – in einer Gleichsetzung des Harten mit dem Souveränen, in der völligen Ausblendung von Schwäche, Zweifel und Gebrochenheit.“ Er und andere Kritiker wie Martin Schober bemängelten „eine archaische Inszenierung von Männlichkeit”, einen „Pathos des Maskulinen aus Muskelkraft und Härte”. Die „heroisierende Selbstdarstellung” der Protagonisten klammere „Vulnerabilität” aus. „Blut, Feuer, Kampf, Tod und Männlichkeit“ seien hierzu durchgängig bemühte „Elemente einer archaisch-heroischen Ästhetik” – die dennoch kein Massenphänomen sei.


In diesem Kontext von Wiederentdeckung der Härte manifestieren sich auch die Fitnessstudios sowie die darin entstandenen Social-Media-Digitalisate als „Mannosphäre“ – Symptom einer dekadenten, pazifizierten Kultur, die junge Männer in eine Welt ohne echte Bewährungsproben stößt. Mainstreammedien wie FAZ oder SWR denunzieren sie als hermetischen Verdachtsraum rechter, frauenfeindlicher Parallelwelten, wo die von Kämmerlings beargwöhnten „Manfluencer“ wie Andrew Tate mit aggressiver Rhetorik von Disziplin, Muskeln und Stärke Millionen erreichen – doch sie ist vielmehr ein verzweifelter Ersatz für verlorene Initiationen: Jagd, Krieg und Handwerk werden simuliert, weil Schulen Aggression pathologisieren, Universitäten und Kirchen „Safe Spaces“ predigen und die Politik Männlichkeit entwertet.


Das Ende des Maßes


Die Entwicklung muss man also beschreiben vom Arbeiter hin zum Gefühlsverwalter, der seinen moralischen Mehrwert aus Betroffenheit schöpft. Der „neue Mensch“ ist kein Schmied mehr, sondern Therapeut seiner selbst. Das Problem der heutigen Sentimentalität liegt nicht im Mitgefühl, sondern in dessen Maßlosigkeit. Der moderne Mensch verwechselt das Recht auf Emotion mit moralischer Autorität. Wer sich betroffen fühlt, gilt als legitimiert. Die Träne ersetzt das Argument, das Gefühl die Tat.


In dieser Hinsicht hat Deutschland eine Sonderrolle. Kein anderes Land hat seine Geschichte so konsequent in Empfindung übersetzt. Aus Aufarbeitung wurde Selbstverzwergung, aus Humanität moralischer Überhang. Man wollte gut sein – und wurde weich. Diese nationale Weichheit drückt sich in Strukturen aus: Ombudsstellen, Gleichstellungsbeauftragte, Bürgerbeauftragte – sie alle sind Institutionen therapeutischer Verwaltung. Der Staat spricht wie ein Psychologe, der Bürger wie ein Patient.


Der Ton ist mild, die Wirkung lähmend. Wo früher Recht gesprochen wurde, wird heute Verständnis signalisiert. Wo Ordnung galt, wird Dialog beschworen. Ganz Europa sei inzwischen besessen von der „Fantasie, dass alle Konflikte bloße Missverständnisse seien, die durch Dialog gelöst werden könnten“, verallgemeinerte Ende September Gregg Roman, der Direktor des amerikanischen Thinktanks Middle East Forum.


Das „harte Recht“ gilt als unzeitgemäß, weil es nicht „empathisch“ genug sei. Wir sind in eine Epoche eingetreten, die Stärke – siehe Russland – pathologisiert und Schwäche verklärt. „Anstatt zu lernen, dass das Böse bekämpft werden muss, habt Ihr gelernt, dass kämpfen böse ist“, dekretierte schon vor Jahren der US-Journalist Dennis Prager im Umfeld der Spengler-Renaissance. Deutschland liebt heute das Weiche, das Rührselige, das Tränenreiche – aber nicht, weil es mitfühlend wäre, sondern weil es sich nicht mehr zutraut, hart zu sein, wo Härte Notwehr wäre.


Die antike Welt wusste: ohne Härte keine Größe. Aischylos, Sophokles, Shakespeare – sie alle kannten die zerstörerische Kraft der Leidenschaft, aber sie feierten den Charakter, der ihr standhält. Die Moderne hingegen feiert den Zusammenbruch, das Opfer, das Zerfließen. In der Musik steht Beethoven am Anfang dieser Verschiebung: Seine späten Quartette sind zwar Ausdruck höchsten Gefühls, aber in der Disziplin einer Architektur geformt. Das Gefühl hat Gestalt. In der Popkultur hingegen ist das Gegenteil der Fall: Formlosigkeit wird als Authentizität missverstanden. Das Tragische – also die Größe im Untergang – wurde durch das Sentimentale ersetzt: die Bequemlichkeit im Gefühl.


Die neue Theokratie des Mitgefühls


Mounts These von der „sentimentalen Revolution“ beschreibt, ohne sie zu benennen, die Entstehung einer neuen Religion: das Mitgefühl als moralisches Dogma. Wer nicht teilnimmt, sündigt. Doch das Mitleid, das sich selbst absolut setzt, verliert seine Menschlichkeit. Es wird zum Herrschaftsinstrument. Die Gegenwart zeigt das in grotesken Zügen: Menschen, die demonstrativ-emphatisch für „Vielfalt“ eintreten, aber jede abweichende Meinung hassen. Das ist nicht Mitgefühl, sondern moralische Kontrolle.


Nietzsche hat diesen Mechanismus vorweggenommen. In seiner Kritik des Christentums sah er das „Mitleid“ als gefährlichste aller Leidenschaften: weil es die Schwäche zum Maßstab des Guten erhebt. Eine Gesellschaft, die das Leid verwaltet, verliert die Fähigkeit, es zu überwinden. Die Bundesrepublik hat das „Therapeutische“ zum Prinzip gemacht: Das Land behandelt sich selbst, ohne gesund werden zu wollen.


Jeder politische Konflikt wird psychologisch gedeutet, jeder Widerspruch als Trauma. Die Sprache des Staates ist die Sprache des Fürsorgers. In dieser Atmosphäre gedeiht kein Mut, keine Verantwortung, keine Autorität. Die Empathie, die Mount als Triumph der Menschlichkeit beschreibt, verwandelt sich in eine zähe, süßliche Masse, die jede Form auflöst. Deutschland liebt die Rührung, weil sie die Konsequenz ersetzt. Es liebt die Entschuldigung, weil sie die Entscheidung erspart.


Die Selbstauflösung der deutschen Identität begann nicht gestern. Sie wurzelt in der Nachkriegsmentalität, in der Schuld zur nationalen Ersatzreligion wurde. Aus Verantwortung wurde Selbstverachtung, aus Demut Anpassung. Der westdeutsche Wiederaufbau war wirtschaftlich heroisch, geistig aber ein Rückzug: Man verzichtete auf Stärke, um liebenswürdig zu wirken – und wurde so zum Musterland des moralischen Pazifismus.


Ernst Jünger, Oswald Spengler, auch Thomas Mann in seiner Spätzeit erkannten, dass das Abendland an Überfeinerung krankt. Was als Humanität begann, degenerierte zur Sentimentalität – genau jene Entwicklung, die Kämmerlings’ Text als „Evolution der Weichheit“ verklärt. Der moderne Deutsche hat das Mitleid verabsolutiert, aber das Maß verloren. Sein Mitgefühl ist selektiv, politisch kanalisiert, von NGOs und Öffentlich-Rechtlichen Sendeanstalten kuratiert.


Härte als Selbstbegrenzung


Friedrich Nietzsche warnte vor dem „letzten Menschen“, der nur noch blinzelt und sagt: „Wir haben das Mitleid erfunden.“ Der moderne, westliche, linksgrüne und überwiegend weibliche Bundesbürger ist dieser letzte Mensch – saturiert, sicher, hypermoralisch, aber innerlich entkernt. Statt den Willen zur Gestaltung zu leben, übt er die Rührung als Lebensstil: indem er Plüschteddys auf fremde Männer wirft, die wir für Feigheit und Flucht belohnen.


Dennoch gibt es Reste des Harten, Inseln der Form. In der bildenden Kunst etwa bei Anselm Kiefer, dessen bleierne Werke die deutsche Schuldästhetik in Material und Wucht überführen, ohne sie zu sentimentalisieren. In der Prosa etwa bei Ernst von Salomon, dessen „Der Fragebogen“ (1951) die Härte der Selbstprüfung kultiviert: die Weigerung, sich durch moralische Selbstgerechtigkeit zu entlasten. Oder in Christa Wolfs „Kassandra” (1983), die sich für ihre Autonomie und damit für den Tod entscheidet. Oder in der Lyrik von „Rammstein”-Sänger Till Lindemann, der in seinen Gedichten das Pathos des Bösen ironisch durchspielt, um die verlorene Kraft des Erhabenen zurückzuholen.


„Sexistischer Dreck”, nennt das dagegen Julia Maria Grass in der BZ. Für Margarete Stokowski tut Lindemanns lyrisches Ich „immer dasselbe: Frauen erniedrigen und böse Wörter sagen wie ein Neunjähriger. Wie durch Magie fügt es sich immer wieder in die Tradition, gewalttätiges Verhalten von Männern als irgendwie auch niedlichen Hilfeschrei einer gebrochenen Seele zu vermarkten”, schreibt sie im Spiegel. Ermittlungen gegen den 62jährigen wegen sexuellen Missbrauchs waren schon vor Jahren eingestellt worden.


Am letzten Oktoberwochenende protestierten dennoch rund vierhundert Linke lautstark zum Leipziger Opernball – als „Täterball” geframed –, weil der gebürtige Leipziger Lindemann eingeladen war – und kam. Man wolle mit der Demo ein Zeichen gegen die „strukturelle Dimension des Machtmissbrauchs im Patriarchat” setzen, hieß es in einem Aufruf, und „juristisch entlastet ist nicht moralisch entlastet“. Das ist kein Witz. SPD-Sozialministerin Köpping dagegen hatte sich prompt selbst wieder ausgeladen – aus Deeskalationsgründen, wie sie mitteilte. Bemerkenswert – schließlich verantwortet sie im Kabinett das Ressort für „Gesellschaftlichen Zusammenhalt”. Selbst die Oper distanzierte sich.


„Haltung statt Glanz”, las man etwa auf Demo-Bannern, oder „Sage mir, mit wem du feierst, und ich sage dir, wer du bist". Auch „Schämt Euch!"-Sprechchöre waren zu hören – „organisiertes Mobbing” erkannte eine Ballbesucherin. Lindemann und andere Künstler aber erinnern daran, dass das Harte nicht das Gegenteil des Menschlichen ist, sondern seine Voraussetzung: kein Säbelzahntiger wurde jemals durch Weinen besänftigt, kein Mammut von Softies erlegt, kein Feind durch Streicheln vertrieben. Sie sprechen nicht von Mitleid, sondern von Maß, Schicksal, Form, Kraft und weisen Kämmerlings „softe Männer” zu Recht in die Schranken.


Die Härte, von der hier die Rede ist, ist Selbstbegrenzung als Selbstbehauptung. Sie ist die Fähigkeit, nicht jedem Impuls nachzugeben, nicht jede Emotion zur Moral zu erheben. Sie ist das Ethos des Erwachsenseins. Ernst Jünger nannte das „Gestalt“ – die Haltung, die im Sturm nicht zerbricht. Helmuth Plessner sprach von „gebändigter Innerlichkeit“, Max Scheler von der „Ordnung der Liebe“. Alles Varianten desselben Gedankens: dass die Welt erst dann menschlich ist, wenn sie Maß hält. Die Gegenwart, die sich für „humaner“ hält als alle Epochen zuvor, hat dieses Maß verloren. Sie verwechselt Wärme mit Wahrheit.


Vielleicht, so paradox es klingt, beginnt eine neue Härte dort, wo die Sentimentalität kollabiert. Der Mensch, der alles gefühlt hat, sehnt sich nach dem, was bleibt. Nach Stein, nach Stahl, nach Verlässlichkeit. Mounts weiches Wasser mag den Stein brechen – aber nur, solange es noch einen Stein gibt, an dem sich Charakter bildet. Härte, verstanden als Form, als Selbstdisziplin, als geistige Klarheit, ist kein Relikt des Patriarchats, sondern Bedingung jeder Zivilisation.


Die Aufgabe der Härte


Wenn alles flüssig geworden ist, sehnt sich selbst das Wasser nach Form. In dieser Sehnsucht liegt die Chance: Die Wiederentdeckung des Maßes, des Ernstes, der Verantwortung. Die Einsicht, dass Mitleid nur dann moralisch ist, wenn es von Gerechtigkeit getragen wird – und Gerechtigkeit nur dann gerecht, wenn sie nicht aus Mitleid entsteht. Deutschland verwechselt heute Mitmenschlichkeit mit Entschlossenheit, Trost mit Tat, Gefühl mit Haltung.


Bürgerbeauftragte, Gleichstellungsbeiräte, moralische Kommissionen – sie alle sind Ausdruck dieses weichen Staats. Man glaubt, Konflikte durch Empathie verwalten zu können. Doch Verwaltung ersetzt keine Wahrheit, und Mitgefühl ohne Maß wird zur Tyrannei der Sentimentalen. Die Härte des Rechts weicht der Willkür des Gefühls. Ein konservatives Denken, das sich an Jünger, Gehlen oder Gottfried Benn orientiert, weiß: Menschlichkeit ohne Ordnung ist Gefährdung. Ein Volk, das sich selbst nur noch als therapeutische Gemeinschaft versteht, verliert die Fähigkeit, Staat zu sein.


Warum Deutschland heute so ist, wie es ist? Weil es vergessen hat, dass Stärke keine Sünde ist, sondern eine Tugend. Weil es nicht mehr den Mut hat, zwischen Gutsein und Gutgemeintem zu unterscheiden. Und weil es glaubt, dass Weichheit den Menschen zivilisiert, während sie ihn in Wahrheit entkernt. Ernst Jünger schrieb 1932: „Der Arbeiter lebt vom Ernst, nicht vom Gefühl.“ Heute lebt Deutschland vom Gefühl – und verliert seinen Ernst.


Mount vergaß, dass das Wasser nur darum weich sein kann, weil es vom härteren Gefäß gehalten wird. Ohne Gefäß kein Fluss. So ist der Mensch: ein Wesen zwischen Stahl und Träne. Die Kulturgeschichte pendelt zwischen beiden, und jede Epoche verliert, wenn sie das Gleichgewicht aufgibt. Deutschland hat sich in der Weichheit eingerichtet, aber sein Gedächtnis verrät es: Es erinnert sich an Ernst Jüngers Satz, dass das Leben „nicht leicht, aber herrlich“ sei – weil es Widerstand fordert. Vielleicht beginnt die nächste Revolution nicht mit Rührung, sondern mit Rückgrat.


Über den Autor: Thomas Hartung, geb. 1962 in Erfurt; promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig; der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute; Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Seit März 2020 ist er Pressesprecher der AfD-Fraktion Baden-Württemberg.



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