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Ulrich Fröschle: MIT HITLER GESCHLAGEN. BERTOLT BRECHT ZUM 70. TODESTAG

  • vor 10 Minuten
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Der Augsburger Autor, der vor 70 Jahren in der Chausseestraße 125 in der Hauptstadt der DDR starb, steht für eine deutsche Linke, die ihr Vaterland nicht vergaß, dem eigenen Volk und dessen Souveränität verpflichtet war.



 


Mitten im letzten Weltkrieg, am Sonntag, dem 1. August 1943, fand sich im kalifornischen Santa Monica nahe Los Angeles eine Reihe prominenter deutscher Emigranten im Haus von Berthold und Salka Viertel zusammen, um eine Resolution zu verfassen, darunter Thomas und Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger und Bertolt Brecht. Anlaß dieser Zusammenkunft war die eben bekannt gewordene Gründung des Nationalkomitees Freies Deutschland durch eine Handvoll deutscher Kriegsgefangener und einige KPD-Leute in der Sowjetunion. Die deutschen Exulanten in den USA wollten dieses Ereignis im fernen Krasnogorsk sozusagen offiziell begrüßen.


Man kam nach längerer Debatte zu einem kurzen Text, der im Kern jener bekannten Formulierung Stalins vom 23. Februar 1942 folgte, es sei „lächerlich, die Hitlerclique mit dem deutschen Volk, mit dem deutschen Staat gleichzusetzen“. Nach der deutschen Niederlage in Stalingrad war im Exil die Hoffnung auf einen Sieg über Hitler groß – mit der besagten Formel der geplanten kalifornischen Resolution sollte nun letztlich für die Zeit nach dem Krieg die Option auf ein zwar besiegtes, aber souveränes Deutschland ohne „die Hitlerclique“ offengehalten werden.


Thomas Mann indes hatte Bedenken und rief am nächsten Morgen Lion Feuchtwanger an, um mitzuteilen, daß er seine Unterschrift unter die Resolution zurückziehe: er habe „einen 'Katzenjammer' […] dies sei eine 'patriotische Erklärung', mit der man den Alliierten 'in den Rücken falle', und er könne es nicht unbillig finden, wenn 'die Alliierten Deutschland zehn oder zwanzig Jahre züchtigen'". Brecht, der hier Manns Telefonat mit Feuchtwanger in seinem persönlichen Arbeitsjournal am 2. August 1943 kolportiert, schrieb dazu, ihn habe die „entschlossene Jämmerlichkeit dieser 'Kulturträger'" wieder für einen Augenblick gelähmt: „der Modergeruch des Frankfurter Parlaments betäubt einen heute noch", jenes bürgerlichen Parlaments der 1848 gescheiterten Revolution.


„Mit Goebbels' Behauptung, Hitler und Deutschland sei eins, stimmen sie überein, wenn Hearst sie übernimmt", zieht er über jene „Kulturträger“ her: „Ist dem deutschen Volk, sagen sie, nicht zumindest Knechtsseligkeit vorzuwerfen, wenn es sich Goebbels so unterwarf, wie sie sich Hearst unterwerfen?“ Jenem amerikanischen Medien-Tycoon William Randolph Hearst, der selbst lange Sympathisant Hitlers gewesen war?[1] Eine Woche später, am 9. August, notierte Brecht zornig: „Als Thomas Mann vorigen Sonntag, die Hände im Schoß, zurückgelehnt sagte: 'Ja, eine halbe Million muß getötet werden in Deutschland', klang das ganz und gar bestialisch."


Brecht war offensichtlich nicht nur empört über Manns Massenmordphantasie, aus ihm sprach darob die nackte Verachtung dieses literarischen Repräsentanten eines deutschen Bürgertums, das sich für die Doppelmoral der U.S.A entschieden hatte: „Der Stehkragen sprach. Kein Kampf war erwähnt, noch in Anspruch genommen für diese Tötung, es handelte sich um kalte Züchtigung, und wo schon Hygiene als Grund viehisch wäre, was ist da Rache (denn das war Ressentiment von dem Tier)“. Brecht verarbeitete seine Empörung noch in einem Schmähgedicht mit dem Titel „Als der Nobelpreisträger Thomas Mann den Amerikanern und den Engländern das Recht zusprach, das deutsche Volk für die Verbrechen des Hitlerregimes zehn Jahre lang zu züchtigen“.[2]


Ihm wurde dann zugetragen, Mann erzähle jetzt herum, „'diese Linken wie Brecht' führten Befehle von Moskau aus, wenn sie versuchten, ihn zu Erklärungen zu veranlassen, daß man einen Unterschied zwischen Hitler und Deutschland machen müsse“. Daraufhin wütete er: „Das Reptil kann sich nicht vorstellen, daß man ohne Befehle von irgendwo etwas für Deutschland (und gegen Hitler) tun kann und daß man überhaupt ganz von sich aus, sagen wir aus Überzeugung, in Deutschland etwas anderes erblicken kann als ein zahlkräftiges Leserpublikum." Bemerkenswert sei die „Perfidie, mit der das Paar Mann – seine Frau ist sehr aktiv dabei – solche Verdächtigungen" ausstreue, von denen sie wüßten, daß sie „jedem großen Schaden tun können."[3]


Man braucht Brechts ideologische Ausrichtung nicht zu teilen, um zu erkennen, wie aus solchen persönlichen Notaten im U.S.-Exil eine echte Liebe zu seinem Volk und Land spricht, die er hatte verlassen müssen: Schon in Notaten und Gedichten vor seiner Konversion zu einem unorthodoxen Marxismus hatte er, der am Zustand seines Landes nach dem Ersten Weltkrieg litt, geschrieben: „Deutschland, du Blondes, Bleiches / Wildwolkiges mit sanfter Stirn! / Was ging vor in deinen lautlosen Himmeln? / Nun bist du das Aasloch Europas". In diesem „Nimmerleinsland" schlage sein vermodertes Herz „nimmermehr“ – das Aasloch Europas habe es ja billig verkauft: „Und in den Jungen, die du / Nicht verdorben hast / Erwacht Amerika!"[4] Als Brecht schließlich selbst in jenem Amerika erwachte, in dem er eigentlich gar nicht sein wollte, blieb der Schriftsteller jedenfalls auch noch im Zweiten Weltkrieg dem Volk seiner Herkunft treu.


1933 hatte Brecht noch gedacht, Hitler werde „mit seinem Versuch keinen Erfolg" haben, denn er könne „mit dem riesigen Elend in Deutschland nicht fertig werden, da er nicht an seine wirklichen Ursachen herangeht. Aber die Zukunft Deutschlands hängt nicht nur von ihm und seiner Bewegung ab. Er ist nicht Deutschland. Es ist von großer Wichtigkeit, daß kein Deutscher, wer und wo immer er sei, glaubt, die Zukunft Deutschlands hänge von ihm nicht ab. Ich meine: was ich tun kann, werde ich tun, daß die Zukunft Deutschlands nicht finster ist."[5]


Während sein jüngerer Bruder damals als Papieringenieur an der TH Darmstadt den Lehrstuhl für Papierfabrikation innehatte und auch den Krieg hindurch als NSDAP-Mitglied forschte und lehrte, mußte Brecht als bekennender Marxist, wenn auch nie Mitglied der KPD, mit seiner jüdischen Frau Helene Weigel und den beiden Kindern ins Exil. Man lebte zunächst in Dänemark, dann auf der Flucht vor dem Krieg in Schweden und Finnland, und ab Juli 1941 schließlich in den U.S.A. Neben seiner Schriftstellerarbeit versuchte sich der Exulant stets ein Bild von der Lage zu machen, nahm etwa die surreal-brutalen „Säuberungen“ in Stalins Sowjetunion durchaus wahr – sie trafen ja auch Bekannte und Weggefährten wie die Schauspielerin Carola Neher. Als einem Internationalsozialisten blieb ihm dennoch die nationalsozialistische Konkurrenz, die in Deutschland die Macht errungen hatte, der Hauptfeind und Moskau seine größte Hoffnung.


Es war schließlich die NS-Regierung, die ihn 1935 durch Entzug der Staatsangehörigkeit aus ihrer gleichgeschalteten Volksgemeinschaft endgültig ausgeschlossen zu haben wähnte. Daß Brecht mit seiner Familie dann nicht im Vaterland der Werktätigen Zuflucht suchte, sondern über Vladivostok in das Land der „Trusts“, zu den Kapitalisten schlechthin ausreiste, das mögen ihm nur Leute vorhalten, die sich in ihrem eigenen Leben unter ähnlichen Umständen tatsächlich selbst anders verhalten haben.


„Die Weltlage wird immer wirrer", hatte er Anfang 1940 notiert, Ausdruck der allgemeinen Verwirrung vieler deutscher „Linker“ angesichts des Hitler-Stalin-Pakts vom 23./24. August 1939 und dem geheimen Zusatzprotokoll, das mit dem Einmarsch der Roten Armee in Polen am 17. September und der Teilung Polens „sichtbar“ wurde. Wenig später sollte auch noch ein deutsch-sowjetischer „Grenz- und Freundschaftsvertrag“ und am 30. November 1939 der sowjetische Angriff auf Finnland folgen.[6] Mit Hitlers Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 hatten sich dann nicht nur für ihn die Verhältnisse hinsichtlich der Sowjetunion wieder einigermaßen zurechtgerückt. Bei allen Irritationen hielt Bertolt Brecht aber stets fest an der Unterscheidung zwischen deutschem Volk und dessen politischer Führung. Daher konnte er nach der deutschen Kapitulation mit Blick auf die Pläne der Potsdamer Konferenz klarsichtig und nüchtern notieren: „Freilich, wir, die mit Hitler nicht gesiegt hätten, sind mit ihm geschlagen."[7]


In der Nachkriegszeit durfte Brecht nicht in die Westzonen reisen, also begab er sich Ende 1947, nachdem er sich als „Linker“ vor dem „Ausschuß für unamerikanische Umtriebe“ hatte erklären müssen, zunächst in die Schweiz, fand seine Heimat dann jedoch in der Deutschen Demokratischen Republik, wo er bis zu seinem Tod am 14. August 1956 lebte und wirkte. Wie viele Sozialisten setzte er große Hoffnung auf den Neuanfang in Mitteldeutschland, das er – wie fast die gesamte frühe DDR-Elite – immer als Keim und Teil einer künftig geeinten und souveränen deutschen Republik betrachtete.


Indes bewahrte er sich auch dort geistige Unabhängigkeit, obschon er manches ausblendete und sich pragmatisch, nicht aber opportunistisch verhielt. Als es am 17. Juni 1953 in der DDR zu Arbeiterprotesten kam und diese zu einem Volksaufstand eskalierten, die sowjetische Besatzungsmacht eingriff und mit der Volkspolizei zusammen auf Klassenbrüder und Landsleute schoß, da hatte Brecht Angst vor einem Scheitern der erhofften Chance auf ein „anderes Deutschland“: Er sah das Volk „wiederum ausgeliefert dem Klassenfeind", doch gestand er sich auch ein: „Der 17. Juni hat die ganze Existenz verfremdet.“ Nun versuchte Brecht wieder, wie schon angesichts des Hitler-Stalin-Pakts, sich die Lage zurechtzuerklären: „Nicht die Kleinbürger handeln, sondern die Arbeiter" – immerhin; sie blieben für ihn damit die „aufsteigende Klasse", doch ihre Losungen seien „verworren und kraftlos, eingeschleust durch den Klassenfeind". Es galt ihm jetzt, „diese erste Begegnung" der Partei, der SED, mit der Arbeiterklasse „voll auszuwerten": „Aber nun, als große Ungelegenheit, kam die große Gelegenheit, die Arbeiter zu gewinnen. Deshalb empfand ich den schrecklichen 17. Juni als nicht einfach negativ."[8]


Brechts Kritik, bei allen Solidaritätserklärungen gegenüber Parteiführung und Besatzungsmacht, schlug sich in seinem Gedicht Die Lösung in den Buckower Elegien nieder, das die berühmt gewordene und stets aktuelle Formel zum Ungehorsam des Volkes prägte, welches das „Vertrauen der Regierung verscherzt habe / Und es nur durch verdoppelte Arbeit / Zurückerobern könne. Wäre es da / Nicht doch einfacher, die Regierung / Löste das Volk auf und / Wählte ein anderes?"[9]


Brecht, der bereits in der Weimarer Republik keine Scheu hatte, auch „mit Rechten zu reden“, hielt noch aus der DDR heraus Verbindung zum seinerzeit berüchtigten Ernst von Salomon, dem er im Januar 1956 schrieb, er würde sich freuen, mit ihm „wieder einmal […] ein Gespräch zu führen" – dieser bezeugte auch sogleich sein Interesse, mit Brecht „von den Dingen" zu reden, „die uns wirklich angehen".[10] Gemeinsames Anliegen über Zonengrenzen und ideologische Zwiste hinweg war ihnen schließlich ein geeintes und gelingendes Deutschland. Diese ideologische Nonchalance zeugt von freien und souveränen Geistern – kein Zufall daher, daß es schon 1950 einen jungen Widerborst wie Hans-Dietrich Sander aus dem Westen zu Brecht nach Ost-Berlin zog, woraus eine lebenslange Faszination des späteren „rechten“ Intellektuellen resultierte.[11]


Auch 70 Jahre nach Brechts Tod am 14. August 1956 ist es daher für alle „Lager“ richtig, wichtig und aufschlußreich, diesen unkonventionellen deutschen Autor kritisch, aber vorbehaltslos und neugierig zu lesen, zumal gerade seine „Lehrstücke“ jenseits aller ideologischen Scheuklappen geistig durchzuspielen erlauben, was ein „Ausnahmezustand“ oder „Ernstfall“ einem Einzelnen wie einem Kollektiv zumutet. Nicht zuletzt deshalb sollten wir auch hinsichtlich der Politik eine Maxime des jungen Brecht beherzigen: „Zwei Dinge geziemen dem Mann / Zu rauchen und / Zu kämpfen mit der Metaphysik.“[12]

 

 

[1] Bertolt Brecht: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Brecht-Ausgabe. Hg. von Werner Hecht u.a. Bd. 27: Journale 2, Berlin/Weimar/Frankfurt a.M. 1995, S. 163f.

[2] Ebd., Bd. 15 (1993): Gedichte 5, S. 90f.

[3] Ebd., Bd. 27, S. 172 (Eintrag 9.9.43)

[4] Ebd., Bd. 13 (1993): Gedichte 3, S. 171

[5] Ebd., Bd. 26 (1994): Journale 1, S. 300.

[6] Ebd., Bd. 27, S. 357 (Eintrag 29.1.1940).

[7] Ebd., Bd. 27, S. 228 (Eintrag 3.8.45).

[8] Ebd., S. 346 f. (Eintrag 20.8.53)

[9] Ebd., Bd. 12 (1988): Gedichte 2, S. 310.

[10] Ebd., Bd. 30: Briefe 3 (1998), S. 415 und 639. Zu früheren Verbindungen siehe z.B. Fritz Sternberg: Der Dichter und die Ratio. Erinnerungen an Bertolt Brecht. Göttingen 1963, S. 37.

[11] Hans Dietrich Sander: Die Maßnahme, rechtsphilosphisch betrachtet. In: Deutsche Studien , 17 (1979), S. 135-154.

[12] Brecht, Bd. 13, S. 201.


Über den Autor: Ulrich Fröschle, geb. 1963, diente als Zeitsoldat in der

Fallschirmjägertruppe der Bundeswehr und durchlief eine Ausbildung zum Truppenozier des Heeres (heutiger Rang: Oberstleutnant d. R.). Nach seiner Dissertation über Friedrich Georg Jünger prolierte er sich als Herausgeber von Schriften und Briefen Ernst Jüngers. F. G. Jüngers und Gerhard Nebels.

Nach Gastprofessuren weltweit lehrte Fröschle als a.pl. Professor Neuere deutsche Literaturgeschichte und Literaturgeschichte an der TU Dresden. 2024 Ausstieg aus dem Universitäts-Betrieb und Wechsel in die Politikberatung. Letzte Buchveröffentlichung Jüngers Waldgang oder Das Problem der Dissidenz. Dresden: Edition KulturHaus Loschwitz, 2025 (Exil)



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