Katharina Krüger-Magiera: SCHNEEWITTCHEN


All-Seeing-I

Was ihr den Geist der Zeiten heißt,

Das ist im Grund der Herren eigner Geist,

In dem die Zeiten sich bespiegeln.


(Goethe, FAUST)



*

Ouvertüre

Elfriede Jelinek versucht mithilfe ihres Theaterstücks „Der Tod und das Mädchen I“, das Märchen „Schneewittchen“ als patriarchalische Gewaltphantasie zu framen, welcher sie Herr*in, Männer*in und Frau*in zu werden hofft, indem sie Schneewittchen durch den Jäger erschießen lässt, weil der Jäger ein Mann ist und Männer nun einmal Schneewittchen erschießen. Platon und Heidegger müssen ebenfalls dran glauben, denn auch sie waren Männer und haben allein deswegen eine patriarchalische Weltsicht – das ist die Wahrheit, die ganze Wahrheit, so wahr mir Gott helfe...Aber auch Wahrheit, trotz des weiblichen Artikels, ist patriarchalisch, männlich und unwahr. Feministisch ausgedrückt ist Wahrheit immer unwahr, weil sie männlich ist. Schneewittchen muss sterben, weil sonst die Wahrheit wahr wäre.


Wenn die ARD doch nur wüsste, dass sie gar nicht „meins“ ist! Dass ich sie mir niemals gewünscht habe, dass ich sie gar nicht mag – das wäre zwar die Wahrheit, aber eben auch wieder nicht, weil das patriarchalisch ist – schließlich bin ich verblendet durch meine „Peers“, meine soziale Wahrheit, die aber nur konstruiert und „geframed“ wurde durch meine Umgebung, welche wiederum gar nicht wahr sein kann, weil sie patriarchalisch ist und patriarchalische Wahrheit in Wirklichkeit gewalttätig gegen Unwahrheit ist, indem sie sie auslöscht. Die ARD muss also darauf bestehen, dass sie „meins“ ist, weil ich ja gar nicht wissen kann, dass ich sie will, da ich durch meine patriarchalische Prägung nicht in der Lage bin, Unwahrheit für wahr zu halten, also die Gewalt der Wahrheit an der Unwahrheit als Gewalt zu erkennen. Deswegen muss die ARD darauf beharren, „meins“ zu sein. Sie muss mich un-framen, re-framen, es gilt alles auf den Kopf zu stellen. ARD informiert nicht, sie transformiert. Denn nur durch aggressivstes, transformatives Stalking begreift ein im Patriarchat gefangenes weibliches Wesen wie ich endlich, dass es nichts ist ohne die Lüge. Dass Lüge und Chaos die wirkliche, wahre Heimat jenseits des Patriarchats sind, ein Ort des Wahnsinns und des Hasses, der unfassbaren Reichtum an Verständnislosigkeit und Zerstörung birgt.


Fragen bleiben. Ist das jenseits der Grenzen des Patriarchats erlaubt? Fragen zu stellen? Man könnte ja auf die unverschämte Idee kommen, Antworten zu suchen – wenn das keine männliche Eigenschaft ist. Fragen! Warum? Weil Schneewittchen ein Märchen ist, dass ganz offensichtlich misslungene Herrschaft im Matriarchat thematisiert? Weil Gürtel, Kamm und Apfel Symbole der Venus (Luzifer) sind? Schneewittchen von Männern gerettet wird? Weil Schönheit in dem Märchen gar keine Rolle spielt, da die Venus, die Böse Königin, sowieso immer die schönste im Land war? Ja ja, wendet die gewiefte Metafeminist*in ein, die Grimms waren halt Männer. Männer, die sich produzieren, Männer, die etwas produzieren! Männer halten zusammen, Männer schreiben sich etwas zusammen. Deswegen bringt Frau Jelinek Schneewittchen um? Der Bösen Königin gehorchend? Weil Frauen auch zusammenhalten? Gegen wen? Gegen ihre Töchter? Medea rächend, gegen die Zukunft aller Kinder?


Schneewittchens Problem ist nicht die Schönheit, sondern der Hass der Königin. Blinder, unlogischer, chaotischer, weiblicher Hass auf Weiblichkeit, der sich gern als Männerhass tarnen würde, doch Tarnung! Tarnung ist auch wieder männlich. Tarnung setzt immer schon voraus, dass ein Plan existiert, eine Zeit nach der Tarnung. Echt weiblicher Hass auf Weiblichkeit ist offensiv, extrem grausam und über alle Maßen offenherzig und impulsiv. So wie der Jäger in Elfriede Jelineks Stück ein extrem weiblicher Jäger ist, der ohne Grund und Plan, aus Lust an der Grausamkeit, die Waffe zückt. Weibliche Grausamkeit als „männliche Gewaltphantasie“ anzupreisen – ist das nicht schon wieder Satire?



I. Akt

1. Aufzug: Spieglein, Spieglein an der Wand

Von wegen, Frauen hätten keinen Sinn für Humor. Zum Totlachen sind sie! Im wahrsten Sinne des Wortes. Dies ist die bittere Wahrheit des dämmernden Zeitalters, des Zeitalters des Wassermanns. Frauen blicken nicht mehr in den Zauberspiegel, um sich von Rüdiger Hoffmann beweihräuchern zu lassen, sondern um durch ihn all ihre Weisheit, ihren göttlichen Humor zu channeln. Sie sind die wahren Gött*innen, Hexenmeister*innen und Wahrsager*innen des All-Seeing-I, Luzifer der Lichtbringer, Cosmic Christ! Christus ist eine Frau! Natürlich haben wir das insgeheim immer tief in uns gespürt – wir sind alle Frauen; vor allem kinderlose Frauen, die gerade wegen ihrer Kinderlosigkeit das Frausein auf eine neue Stufe der Spiritualität im Zeitalter des Wassermanns heben werden. Die Spiritualität des Nichtgebärens, der Unfruchtbarkeit und des Aussterbens – das ist es, was Frausein bedeutet, nämlich zum Totlachen geboren zu sein. Wobei „geboren werden zu müssen“ noch beim Gottsein, Verzeihung!, Gött*innensein, stört, weil ja doch immer irgendjemand gebären muss. Häufig wird diese Tätigkeit von humorlosen, bisweilen trotz ihrer Weiblichkeit ungöttlichen, geradezu unerleuchteten Frauen übernommen, die stets auf männliches Sperma zurückgreifen müssen, um überhaupt zur Geburt fähig zu sein. So viel Humor und trotzdem kein Ende des Spermabedarfs in Sicht! Obwohl sich die vom Rolling Stone Magazine als „die kosmische Hexenmeisterin, die wir jetzt brauchen“ gefeierte demokratische Präsidentschaftsbewerberin Marianne Williamson von ihrer „Orb Gang“ aus 13 Chaos Magiern und Hexen unser kollektives Unterbewusstsein anzapfen lässt, um endlich diejenige Liebe und dasjenige Licht zu erschaffen, welche die Gött*in in uns allen erwecken sollen, ist es bisher noch immer nicht gelungen, männliches Sperma durch Mitose zu ersetzen.


So sehr sich Mary Daly, ehemalige Professor*in am Jesuit Boston College und die radikallesbische Feminist*in Sally Miller Gearhart auch einig sind in der Forderung danach, den männlichen Anteil an der menschlichen Population auf 10 Prozent zu beschränken, das Sperma-Problem haben auch sie nicht lösen können; insbesondere deswegen nicht, weil sie sich, wie sie selbst niemals müde wurden zu betonen, nicht für Männer interessierten, was allerdings alle Frauen mit einschließt, die Männer mögen, sich für sie interessieren, diese sogar gebären und erziehen – sich erdreisten, Männer zu lieben.


Der neue Zauberspiegel des anbrechenden Wassermannzeitalters ist das wahre, luziferische All-Seeing-I, der Claas Relotius unter den Spiegeln, der nur widerspiegelt, was von Mary Daly gesehen werden will: Dass „der Antichrist, den das Patriarchat so fürchtet, eigentlich ein Anstieg von Bewusstsein [ist], das spirituelle Erwachen, das uns über die Verehrung Christi hinausführen und zu einer höheren Stufe bewusster Teilhabe im lebendigen Gott bringen kann. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, sind der Antichrist und die Rückkehr von Frauen ein und dasselbe. Die Wiederkehr ist nicht die Rückkehr Christi, sondern eine neue Ankunft weiblicher Präsenz, einstmals stark und mächtig, doch seit der Dämmerung des Patriarchats in Ketten gelegt.“[1]


Zum Totlachen? Wenn es nur die Hex*innen und Frau*innen-Community beträfe, die abgeschieden in Lebkuchenhäuschen mit ihren Katz*innen hausten, anstatt darüber zu brüten, wie man auch Nicht-Hex*innen davon überzeugen kann, postnatale Abtreibungen an ihren Kindern vornehmen zu lassen. Zu übertrieben? Einer derjenigen bedauernswerten Vertreter des männlichen Geschlechts, der sich den Anforderungen stellt, die das anbrechende Wassermannzeitalter für die erleuchtete Gött*innenmenschheit bereit hält, der australische „Philosoph“ Peter Singer, hat begierig von seinen weiblichen Großmeister*innen gelernt und fordert nicht nur die Legalisierung von nachgeburtlichen „Abtreibungen“, sondern auch das Töten von Leidenden, wenn das Leid einfach zu groß ist. Nicht das Leiden lindern, nein, Leidende töten. Das All-Seeing-I der Selbstverehrung erfordert eben Opfer. Wie uns Papst und Bundespräsident, Kardinäle und Bischöfe immer wieder zu Weihnachten belehren, dass sie unsere Opfer für ihre Ziele brauchen, so verlangt auch die Gött*in in uns nach dem allergrößten Opfer: dem eigen Fleisch und Blut.


2. Aufzug: Gottesliebe oder Selbstbetrug?

Von jeglicher (toxischen) Männlichkeit gereinigte Kräfte katapultieren Malalas, Gretas und gänzlich anti-transzendentale Jupiter auf Podien und Präsident*innenstühle der Welt, welche uns Unerleuchteten vor erbärmlich kleingläubiger Freimaurerkulisse, einer in gleißendem Violett erstrahlenden Louvre-Pyramide, ihren unfehlbaren Willen aufzwingen. Mithilfe ihrer magischen Public-Value-Meinungsmanipulationsanstalten zaubern sie diesen als unseren Willen aus dem Hex*innenhut hervor, wohl verdrängend, dass Schiller nicht Luzifer gemeint haben kann, als er in seiner „Ode an die Freude“ den „Schöpfer überm Sternenzelt“ anrief.


Das Verlangen post-postmoderner Freimaurer*innen und Wassermänner*innen nach Gnosis in allen Ehren – aber wie wollen sie das „Erleuchten“ anstellen, allein mithilfe des mickrigen Flackerns der Venus – welche nur am Firmament erglänzen kann, weil die Sonne sie erstrahlen lässt? Bereits Meister Eckhart warnte vor dem Abgrund, der sich auftut, wenn man nicht nur andere, sondern vor allem auch sich selbst belügt: „Nun sagen gewisse Leute: 'Habe ich Gott und die Gottesliebe, so kann ich recht wohl alles tun, was ich will.' Die verstehen das Wort nicht recht. Solange du irgendetwas vermagst, das wider Gott und wider seine Gebote ist, solange hast du die Gottesliebe nicht; du magst die Welt wohl betrügen, als habest du sie.“[2]


Gershom Scholem weist in seinem Buch „Zur Kabbala und ihrer Symbolik“ ausdrücklich darauf hin, dass „Mystiker die Quellen der traditionellen Autorität noch einmal von sich aus zu entdecken [scheinen]. Ihr Weg hat sie zu derselben Quelle zurückgeführt, aus der sie entsprungen ist. Und da diese Autorität ihnen solcherart dasselbe Antlitz zeigt, das sie schon für Generationen vor ihnen hatte, treibt sie nichts zu einem Versuche an, sie zu ändern. Im Gegenteil, sie bestreben sich, sie in ihrem striktesten Verstande aufrechtzuerhalten.“[3]


Esoteriker, Mystiker, Gnostiker sind zutiefst konservative, traditionelle Gelehrte. Ein Esoteriker (Mystiker) braucht die Exoterik als Ausgangspunkt für seine Erleuchtung. Er wirkt immer innerhalb einer bestimmten Tradition, die als ausdrückliche Autorität den Rahmen für seine persönliche Erleuchtung bildet. Ohne diese exoterische Struktur ist die Ausbildung von Esoterik überhaupt nicht möglich. Anders gesagt, ohne einen Bezug, eine Vorfestlegung, auf die sich eine mögliche Erkenntnis stützen kann, kommt es erst gar nicht zu einer Erkenntnis, weil ihr eine äußere Begrenzung fehlt, innerhalb deren Rahmen sich eine Erkenntnis überhaupt als solche ereignen kann bzw. feststellen lässt. Wer sich zu einer mittels Sinneseindrücken erfahrbaren Umgebung in solch totalitär weltfremde Beziehungsunfähigkeit begibt wie es bei Regent*innen, Wissenschaftler*innen und Kirchenvertreter*innen der Fall ist, braucht sich nicht zu wundern, wenn seine jeweiligen Erleuchtungen von in diesen Kult der Stumpfheit nicht Eingeweihten als etwas Unanständiges aufgefasst werden, da Dingen zur Materialisierung verholfen werden soll, die nicht existieren. Ohne die bewusste Erfahrung einer nach außen gerichteten und dadurch der Welt zugewandten Praxis, bleibt jede esoterische Erleuchtung und wissenschaftliche Erkenntnis eine Form von Aberglaube.


3. Aufzug: Samiel hilf!

Was wird uns nun als Spektakel aufgetischt, um davon abzulenken, dass man sich ins Nichts verirrt hat? Ein inszeniertes Menschenopfer am CERN im August 2016. Angeblich wollten sich „Wissenschaftler*innen“ einen Scherz erlauben, „Verschwörungstheoretiker“ ärgern und hielten eine „Zeremonie“ ab, die nur vorgab eine „Zeremonie“ zu sein. Gespieltes Menschenopfer, um künstlich Erregung zu erzeugen. Erregung über etwas, das nicht existiert, im Gegensatz zu den Gedanken und Gefühlen, die eine Berichterstattung über Menschenopfer im Eingangsbereich des CERN auslöst. Wenn tiefgreifende Verstörung mithilfe von etwas, das nicht ist und niemals stattgefunden hat, bewerkstelligt werden kann, existiert es dann vielleicht doch? Wirkung wurde erzielt – nicht unbedingt zum Vorteil von „Wissenschaft“. Fast möchte man den Teilchenphysiker*innen Beifall dafür zollen, dass sie endlich selbst bemerkt haben, wie überflüssig ihre „Wissenschaft“ geworden ist. Indem sie sich und ihr Fachgebiet dem Gott Shiva opferten, der auf ihrer Unwissenheit tanzt, entbinden sie sich selbst von jeglicher Pflicht „Erkenntnisse“ zu liefern und gestehen ein, dass ihre Art „Wissenschaft“ zu betreiben reine Illusion ist. Ein fingiertes Menschenopfer dem Gott der Zerstörung zu Ehren reiht sich ein in eine düstere Metaphorik bei der Beschreibung dessen, was Teilchenphysiker*innen gern aus ihrer „Theorie“ in die Realität gebären wollen: Schwarze Materie, Schwarze Löcher, Ghosts, Nicht-Teilchen...

Die Selbstopferung der Physik zeigt auf, wie weit sich „Wissenschaft“ und die Suche nach „Erleuchtung“ mittlerweile von jeglicher Lichtquelle entfernt haben.

Im Gegensatz zur alten Mystik, die ausgehend von irdischem Sein gen Himmel zu transzendieren hoffte, errettet uns postapokalyptische Menschheit nun der „Lucis Trust“, welcher mithilfe seines „Beraterstatus'“ bei den Vereinten Nationen die „moralische Verbesserung der menschlichen Rasse“ auf Erden zu erreichen versucht. Die „Lucifer Publishing Company“ als Hort „des Lichts und der Weisheit“, an dem Alice und Foster Bailey, beide „ernsthafte Studenten und Lehrer der Theosophie, einer spirituellen Richtung, die in Luzifer einen solaren Engel sieht“, „Wissen“ zusammentrugen, das endlich, nach all den missglückten Jahrhunderten der Aufklärung, „jene fortgeschrittenen Wesen“ zu produzieren vermag, „von denen die Theosophie sagt, dass sie vor einer Ewigkeit herabgestiegen sind (daher 'der Fall') von der Venus, um den damaligen Tiermenschen unseres Planeten das Prinzip des Geistes zu bringen. Aus der theosophischen Perspektive war der Abstieg dieser Solar Engel kein Fall in Sünde oder Schande, sondern ein Akt großartigen Opfers, was sich aus dem Namen Luzifer, was Lichtträger bedeutet, schließen lässt.“[4]


Zum Totlachen? Immer noch? „Unite behind the Science!“, rufen uns die Gläubigen zu; diese Jünger*innen des All-Seeing-I, die aus lauter Selbstliebe Selbstlosigkeit fordern, während sie die Vergöttlichung des Selbst und die Anbetung der Erde predigen. Denn so närrisch sind sie nun auch wieder nicht, die Diener*innen Luzifers, dass sie nicht begriffen hätten, wer sie füttert, während sie sich selbst verehren. Earth Governance will finanziert werden – durch die Selbstlosigkeit der Ungläubigen, denen der Papst vorwirft, an „gepanzerten Herzen“ zu leiden. Genug gelacht?


II. Akt

1. Aufzug: Galloi, die Selbstentmannten

In seinem Essay „Ende der Modernität?“ erfindet Robert Spaemann ein Happy End für die „Zauberflöte“, indem er die Idee in den Raum stellt, Sarastro und die Königin der Nacht sollten doch heiraten, um zu vermeiden, dass die Königin als eine nach Rache dürstende Feministin wiederkehre.

Den Triumph Sarastros über die Königin deutet er als Sieg einer totalitären Modernität, die die „Unbedingtheit in der Form des Besonderen in Wirklichkeit nicht gelten lassen [darf], sondern durch „Toleranz“ ersetzen [muss].“[5]


Sarastros Toleranz aber ist die Auslöschung der Königin der Nacht.

Modernen Feminist*innen, Gött*innen und Hex*innen scheint es vollkommen zu entgehen, dass sie in ihren totalitären, zerstörerischen und wahnsinnigen Bestrebungen, „das Patriarchat“ auszuradieren, als Sklavinnen missbraucht werden. Sarastro, der neue, schnittige Technokrat, verfügt gar nicht mehr über die Macht, „zu strahlen“ und das zermürbende Geschäft der Herrschaft selbst auszuüben, da „Macht“ bedeutet, in eine Beziehung zur Außenwelt treten zu müssen und diese nicht zu negieren. Gefangen in seiner Beziehung zu sich selbst, schickt Sarastro lieber seine kreischende Armee der Erinnyen in die Welt hinaus: Die Königin der Nacht als Sklavin einer entmannten Eunuchentechnokratie. Warum ausgerechnet Kohlenstoffdioxid zur Durchsetzung globaler Herrschaft auserkoren wurde? Weil Kohlenstoffdioxid durch Lebendigkeit entsteht. Durch Ausatmen, Fortbewegung, Aktivität von Lebendigem, die es strengstens zu überwachen und einzudämmen gilt. Der größte Feind von Earth Governance ist das Leben selbst, dass unkontrollierbar vor sich hinlebt. Einfach, weil es da ist. Ein unhaltbarer Zustand für all diejenigen, die wirklich wissen, was richtig und wichtig ist.

Vollkommen ahnungslos ziehen erdmutterrettende Heulsusen piesackend, attackierend, verleumdend und bevormundend durchs Land, nicht einmal ansatzweise begreifend, dass sie in ihrem ewigen Krieg gegen das Patriarchat einer wirklich totalitären, faschistischen Herrschaft den Weg bereiten:

Der Herrschaft des geistigen Zölibats. Denn des Väterlichen beraubte Männlichkeit ist kastrierte Männlichkeit, unfähig zur Transzendenz, eine Theokratie der totalen Immanenz, eine Vergötterung des Irdischen, wie sie die Galloi der griechischen Antike praktizierten. Selbstentmannte, zu jeglicher Erhabenheit unfähige Priesterherrschaft über Stoffwechselprodukte, denen willkürlich je nach Erdverwaltungszielsetzung entweder Sünden-oder Tugendstatus zugeschrieben werden kann, wodurch lebensnotwendige Körperfunktionen den Anschein von Machbarkeit und Willensentscheidungen erlangen. Damit jedoch verschwindet jegliche Freiheit, Gedanken nicht nur zu äußern, sondern überhaupt erst zu denken. Am Beispiel der Gesundheitsdefinition der WHO, nämlich „des vollständigen, physischen, psychischen und sozialen Wohlbefindens“, zeigt Spaemann auf, dass „in einer solchen Konzeption [...] das spezifische Berufsethos einzelner Menschengruppen selbst zum Gegenstand zentral geplanter Manipulation durch politische Gruppen [würde], die sich selbst außerhalb [...], jeder aller Menschen umgreifenden Verbindlichkeit und Scheu stellen.“[6]


Diese von aller Scham befreiten Menschen finden sich mittlerweile ja nicht nur bei der totalitär umgeframten ARD, sondern in allen Medien, deren „Berufsethos zum erklärten Ziel zentral geplanter Manipulation“ auserkoren wurde, während erleuchtete „Gesundheitsexperten“ wie Jens Spahn und Karl Lauterbach Linderung und Heilung als erzwungene Nächstenliebe (Organraub, Zwangsimpfung, Tracking-App) in einer gläsernen, allwissenden Bürokratie missverstehen.

Warum sich Sarastro, der Weltenherrscher, hinter der Königin Jelinek verstecken muss, um Schneewittchen, die Zukunft, zu töten?


Die Paradoxie der Frauenvergötterung bei gleichzeitiger Abwertung, Verhöhnung und Bekämpfung von Mutterschaft wirkt nur deswegen paradox, weil die Kämpfer*innen gegen das Patriarchat sich selbst als Frau*innen ausgeben und als diese wahrgenommen werden. Doch handelt es sich eben nicht um Frauen oder Männer, denen vor allem deswegen ein Geschlecht zugeordnet ist, weil sie die Möglichkeit in sich tragen, Väter und Mütter aus sich zu machen, Leben zu schenken, sich selbst zu transzendieren, sondern um Eunuchen, selbstentmannte, geistig zölibatär lebende Kreaturen, die eben gerade nicht zur Erleuchtung fähig sind, denen das Erkennen, Begreifen und Erfahren so vollkommen fremd geworden sind, weil sie anstatt sich in den Himmel zu recken, diesen in die Tiefe reißen, im Schlamm wühlen, wo sie das Göttliche zu finden glauben. Kein noch so lächerlicher Abklatsch von Erhabenheit, weder „Zauberflöte“ noch die „Ode an die Freude“ vor violett erstrahlenden Pyramiden, können darüber hinwegtäuschen, dass der weinerliche Bundespräsident, die kleingläubigen Kardinäle und Bischöfe heutzutage etwas anderes tun, als im Dreck zu wühlen, der inneren Gött*in zuliebe. Aber auch diese klägliche Entwicklung hat schon Nietzsche vorhergesehen als er 1873 notierte: „Jener mit dem Erkennen und Empfinden verbundene Hochmut, verblendende Nebel über die Augen und Sinne der Menschen legend, täuscht sie also über den Wert des Daseins, dadurch dass er über das Erkennen selbst die schmeichelhafteste Wertschätzung in sich trägt. Seine allgemeinste Wirkung ist Täuschung – aber auch die einzelnsten Wirkungen tragen etwas von gleichem Charakter an sich.“[7]


2. Aufzug: Cultural Genocide mit Spiegeln und Flöten

Wem das Ausstrahlen von Licht und Wärme zu anstrengend wird, der muss sich mit einem Herumwurschteln in Dunkelheit begnügen. Es wird „auf Sicht gefahren“. Dass Sarastro durch die Versklavung der Königin der Nacht selbst zum hinterwäldlerischen, reaktionären und tumben Plantagenbesitzer mutierte (der im Gegensatz zu so manch anderem Mythos tatsächlich vom Sockel gestoßen gehört), ist ihm vollkommen entgangen – zu beschäftigt war er damit, in seiner Neuen Weltordnung zu schwelgen – einer Wahnvorstellung von Welt, befreit durch kaltblütige, gleichgültige Toleranz, die, um nicht Utopie zu bleiben, das Wahrnehmen von Unterschieden mit Auslöschung bestraft. Ein kastrierter Herrscher, der unfruchtbare Hexen missbraucht, um seinen Untertanen Sinneseindrücke auszutreiben, durch die sie überhaupt erst lebensfähig sind, ist die gnadenlose Logik der Verinnerlichung von Göttlichkeit, der Selbstanbetung derjenigen, die aufgrund selbstgeschaffener Einsamkeit Gemeinsamkeit zertrümmern. Das Wühlen im Erdreich bringt kulturellen Genozid, ohne andere Kultur aufzuzwingen: Kultur an sich wird zerstört – gleich welche Kultur. Da sind Eunuchentechnokraten völlig tolerant – jegliche Kultur ist Abgrenzung, Ausgrenzung, Unterscheidung - lat. Discriminatio - und muss vernichtet werden.


Finale: Abgesang

Zum Glück bin ich kein Philosoph, der für diese Art zu „denken“ und zu „handeln“ Namen, Begriffe und Kategorien erfinden muss; ich erzähle nur die Märchen – erlaubt sei mir ein letztes Wort, bevor der Apfel die Luft zum atmen raubt, ein allerletztes Bild, bevor Sarastro für immer das Licht löscht und die Königin der Nacht vergisst, dass sie Mutter ist...

In meinem Märchen erblindet der Spiegel der bösen Königin, aus Langeweile fallen dem ohnehin immer so müden Rüdiger Hoffmann die Augen zu, von Schneewittchen werden weder wir noch die böse Königin jemals erfahren, weswegen auch die metamorphe ARD das Kind nicht stalken kann. Es wächst heran, heiratet den Jäger und lebt mit ihm hinter den sieben Bergen, mit den sieben Kindern auf der Lichtung, auf der es von Elfriede Jelinek nicht erschossen wird, denn auch der Sklavenhalter Jelineks, der kastrierte Sarastro, hat nur noch Augen für sich selbst und noch nie von Schneewittchen gehört.

Was aus den kläglich gescheiterten Freunden der „Farbe Lila“ wird? Tamino betrachtet Paminas „Bildnis“ im Reich der Königin der Nacht und denkt: „Dieses Bildnis ist bezaubernd schön, doch das Märchen ist nicht mein Problem!“


Tamino wendet sich ans Publikum:

„Mich schreckt kein Wort, als Mann zu handeln,

Den Weg der Tugend fortzuwandeln.

So umzingeln alle Schreckenspforten

Den Einsamen beim Weisheithorten.

Froh Hand in Hand ins Leben gehn.

Ein Weib, das Nacht und Tag nicht scheut,

Ist würdig und wirkt hocherfreut.

Wir wandeln durch des Tones Macht

Froh durch des Lebens wilde Pracht!“

Der Vorhang fällt. Niemand applaudiert – leise, leise entzieht sich das Publikum dem Zugriff der stalkenden ARD und umerziehenden Priester des geistigen Zölibats. Tamino schminkt sich ab und wartet mit Papageno in Auerbachs Keller auf das Steinbockzeitalter...

Das war jetzt aber kultureller Genozid? Die schönen Märchen – falsch erzählt? Wo bleibt da die Moral? Ja wo?


[1] M. Daly: Beyond God the Father: Toward a Philosophy of Women's Liberation, Beacon Press [2] Pr 29, DW II, 79, 1-4 [3] Gershom Scholem Zur Kabbala und ihrer Symbolik S. 15, Suhrkamp [4] www.lucistrust.org [5] Robert Spaemann, „Ende der Modernität?“, Reclam [6] Robert Spaemann, ebd. [7] Friedrich Nietzsche, Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne, Kapitel 1




*


Katharina Krüger-Magiera veröffentlichte ihren Roman „Freiheit für Persephone“ 2019 im Arnshaugk Verlag. Darüber hinaus beschäftigt sie sich in ihren Texten intensiv mit den Phänomenen Bewusstseinskontrolle (Framing), Feminismus und dem Wirken von Klimakriegern.


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