Thomas Hartung: "DREI STUDENTEN MIT DEM LASTENRAD"

Kinderlieder dürfen als rassistisch diffamiert und Xavier Naidoo Antisemit genannt werden – der ideologische Furor wird in der Musik publizistisch und juristisch geadelt. Das ist ein schlechtes Zeichen für die Kunst und ein fatales für die Demokratie.



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Wer meinte, dass die angesichts des Eurovision Song Contest im Frühjahr konstatierten deutschen musikalischen Peinlichkeiten ein vorläufiges Ende genommen hätten, sah sich vorm Weihnachtsfest gleich doppelt enttäuscht: die damalige Befürchtung des Autors, das linke Ideologem „Gesinnung schlägt Ästhetik“ drohe die Musik irreparabel zu schädigen, erfuhr weitere bittere Bestätigung. Zum einen nämlich hob das Bundesverfassungsgericht BVerfG zwei Gerichtsurteile auf, in denen der Referentin der linksgrünen Amadeu-Stiftung Melanie Hermann verboten worden war, den Popsänger Xavier Naidoo als Antisemiten zu bezeichnen.


Die beiden Urteile bayerischer Gerichte verletzten die Frau in ihrer Meinungsfreiheit, entschied Karlsruhe, nachdem die Referentin zuvor Verfassungsbeschwerde erhoben hatte. Die Nicht-Jüdin hatte in einem Vortrag zum Thema „Reichsbürger - Verschwörungsideologien mit deutscher Spezifik“ über Naidoo vor Publikum gesagt: „Er ist Antisemit, das darf ich, glaube ich, aber gar nicht so offen sagen. Aber das ist strukturell nachweisbar“. Zwei bayerische Gerichte verboten ihr auf eine Klage Naidoos hin, ihn als Antisemiten zu bezeichnen. Dies sei ein besonders weitreichender und intensiver Eingriff in Naidoos Persönlichkeitsrecht und die Kunstfreiheit, hieß es.


Das Verfassungsgericht widersprach nun: Die Urteile der unteren Gerichte verkennen im Ergebnis die Bedeutung und Tragweite der Meinungsfreiheit im öffentlichen Meinungskampf, die bei öffentlich zur Diskussion gestellten, gesellschaftliches Interesse erregenden Beiträgen auch mit scharfen Äußerungen gebraucht werden, so das Gericht. Der vielfach preisgekrönte Künstler mit südafrikanisch-indischen Wurzeln, der schon mal von „Baron Totschild“ singt, darf nach diesem Werturteil also Antisemit genannt werden, ohne dass damit klar ist, dass er ein Antisemit ist. „Der Beschluss des Verfassungsgerichts in der Causa Naidoo ist gut und wichtig, man sollte aber nicht vergessen, dass ein Björn Höcke gefährlicher ist“, kommentiert Christian Rath in der taz.


„Man kann Naidoo demnach als Antisemiten bezeichnen mit dem gedanklichen Zusatz, dass er keiner der übelsten Sorte ist“, ärgert sich prompt Thomas Thiel in der FAZ. Ihn befremdet daneben das Argument der Verfassungsrichter, es komme auf die von der Beschwerdeführerin behauptete strukturelle Nachweisbarkeit des Antisemitismus gar nicht an, weil dies keine Tatsachenbehauptung sei. „Sondern was? Muss man nur das Wörtchen ‚strukturell‘ hinzufügen, um sich jeder Verantwortung zu entziehen?“, kritisiert Thiel. Im Internetprojekt „Netz gegen Nazis“, das von der Stiftung betrieben wurde, wurde Naidoo 2015 schon einmal von einem Autor in enge Nähe des Antisemitismus gerückt. Damals hatte sich Naidoo auch gewehrt und sich mit der Stiftung auf einen Vergleich geeinigt, den diese so umschrieb: „Überdies wurde klargestellt, dass die Amadeu Antonio Stiftung nicht Xavier Naidoo persönlich als Antisemiten darstellen wollte, dass die Stiftung aber weiter die Auffassung vertritt, dass Zeilen aus Naidoos Liedtext ‚Raus aus dem Reichstag‘ als antisemitisch interpretiert werden könnten.“ Nach wessen Maßstäben und welchem Begriffsverständnis interpretiert, ist man sofort versucht zu fragen.


Der Vorgang um den Mannheimer Sänger erbost nicht nur, weil das BVerfG kurz zuvor die Grundrechtseinschränkungen der Corona-Notbremse 2020 für grundgesetzkonform hielt und sich damit als regierungs- oder besser merkelhörig erwies, sondern umso mehr angesichts der Personalie Nemi el-Hassan - die Libanesin trat einst auf einer antisemitischen Demonstration auf und sollte Moderatorin der WDR-Sendung Quarks werden. Die deutsch-jüdische WerteInitiative kritisierte die Entscheidung – weder von ihr noch einer anderen Vertretung der Juden in Deutschland übrigens kam bislang Naidoo-Kritik. Als der WDR die Personalie tatsächlich zurückzog, solidarisierten sich dagegen hunderte Unterzeichner in einem offenen Brief mit ihr und riefen den Sender auf, die Zusammenarbeit mit der Moderatorin wieder aufzunehmen – so lasen sich vor 1989 die Ergebenheitsadressen staatstreuer Künstler an die SED. Was deutscher oder muslimischer Antisemitismus ist, darf in Deutschland nun mit zweierlei Maß gemessen werden. Das ist kein Witz.



„Tsching tschang bum“


Zum anderen rückten durch einen vielfach gedruckten dpa-Text Kinderlieder in den Focus. Der Hannoveraner Musikethnologe Nepomuk Riva behauptete unter der Schlagzeile „‚Frage der Empathie‘: Welche Kinderlieder sind rassistisch?“, dass in vielen traditionellen Liedern Racial Profiling betrieben, bestimmte deutsche Kinderlieder im schulischen Umfeld zum Mobbing und zur rassistischen Diskriminierung verwendet würden. „Die Verwendung von rassistischen Begriffen zeigt, dass nicht alle Kinder das Recht haben, in einer Gesellschaft aufzuwachsen, die frei von Diskriminierung ist“, sekundierte Gonca Temurçin im renk-magazin. Als Kind habe die Reflexionsfähigkeit dafür gefehlt, dass der Inhalt von Kinderliedern rassistische Äußerungen enthalte, Stereotype produziere und dadurch Stigma und Klischees aufrechterhalte.


Das stabilisiere eine Gesellschaft, in der keine gerechte Chancengleichheit existiert und Minderheiten verstärkt diskriminiert würden: „Als Leser:in und Zuhörer:in werden Menschen ausgeschlossen, indem in den Texten zwischen einem ‚wir‘ und ‚die‘ unterschieden wird. So wächst eine Generation auf, die bewusst oder unbewusst rassistisch ist“, erklärt Temurçin. Die Autoren der Lieder waren vielleicht nicht absichtlich Rassisten, gesteht sie immerhin ein, nutzten jedoch unsensible und rassistische Äußerungen, „die bis heute teilweise nicht aus den Kinderbuchklassikern gestrichen oder in eine inklusive und diverse Sprache geändert wurden“. Auch das ist kein Witz. Stets handelt es sich um Stücke, in denen über nichtdeutsche Kulturen oder Menschen gesungen wird, so Riva und nennt vor allem drei Beispiele.


Erstens habe Tupoka Ogette 2017 in ihrem Buch „exit RACISM“ von einer Mutter berichtet, die ihr Kind von einer Klassenfahrt abholt und erlebt, dass die Klasse und die Lehrer beim Aussteigen aus dem Bus zusammen das Lied von den „Zehn kleinen Negerlein“ singen. Obwohl ihr Sohn als einziges schwarzes Kind zu weinen beginnt, klatschen am Ende alle, und keiner der anderen Eltern sei eingeschritten. Überdies habe der Psychiater Andreas Marneros aus Gerichtsakten berichtet, dass sich 2000 in Dessau rechtsradikale Gewalttäter nachts mit einer Version dieses Liedes grölend in Stimmung brachten, bevor sie den mosambikanischen Alberto Adriano jagten und totschlugen: „Die Handlung des Liedes, in dem in jeder Strophe eine schwarze Person ums Leben kommt, setzte diese Gruppe damit in die Tat um“. Auch dieser küchenpsychologische Behaviorismus ist kein Witz, sondern, man muss es so deutlich sagen, blinder Reduktionismus, der mit der gelebten zwischenmenschlichen Wirklichkeit kaum noch etwas zu tun hat und zur wachsenden Wissenschaftsskepsis beiträgt.


Zweitens Carl Gottlieb Herings Kanon „C-a-f-f-e-e (Trink‘ nicht so viel Kaffee)“, in dem der „Muselmann“ verunglimpft würde, und drittens „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“. Zu diesem habe die Fachstelle Kinderwelten 2016 von einer Schulklasse berichtet, in der das Lied gesungen wurde und dazu auf Anweisung der Lehrerin die Kinder mit den Fingern die Augenwinkel hochziehen sollten, um „Schlitzaugen“ zu erzeugen. Die Klage eines japanischen Vaters, dessen Sohn sich dadurch diskriminiert fühlte, wurde mit dem Argument abgelehnt, das Kind habe keinen chinesischen Hintergrund und könne sich nicht diskriminiert fühlen.


Der Text wird dabei so verändert, dass aus den drei Chinesen, für Riva nur „scheinbar“ harmlos und amüsant, „dra Chanasan“ oder „dri Chinisin“ werden. Doch das sei nicht nur bei genauerem Hinhören eine Verballhornung der für deutsche Ohren ungewöhnlichen chinesischen Sprachlaute, überdies seien es drei sich unterhaltende Ausländer, die der Polizei suspekt sind, so Riva. Mit dieser Nonsens-Sprache könne nur eine höhnische Nachahmung des Chinesischen gemeint sein, zumal das Lied in den damaligen Publikationen in direkter Umgebung von vergleichbaren Stücken abgedruckt wurde, die in außereuropäisch klingenden Phantasiesprachen verfasst waren wie „Guni guni watschambo“ oder „Tsching tschang bum“.


Denn gesungen wurde es zuerst in der Kolonialzeit: Das Lied ist ca. 1909 in Berlin entstanden, der Zeit der Kolonialausstellungen. Zunächst sei es in dem Lied um „Japanesen“ gegangen. Nachdem sich das Deutsche Reich mit Japan während des Zweiten Weltkriegs verbündet hatte, wurden daraus die drei Chinesen. Riva: „In den verschiedenen Ausgaben des Liedes wurden rassistische Diskurse angeheizt oder eben nicht angeheizt.“ Der eurozentrische und abwertende Blick auf Chinesen, der dem Lied untergründig innewohnt, zeige sich bis heute in der Bebilderung des Liedes, die die Personen exotisiert, so auf der Titelseite von „Das traditionelle Kinderliederbuch“ des Verlags Lamp und Leute (2016). Hier erscheinen drei kindliche Chinesen in folkloristischer Verkleidung, die einen Kontrabass wie eine Gitarre halten.



„wissen, wie es wirklich war“


Ihm fällt auf, dass diese Lieder alle „einen pädagogischen Anspruch haben“, so der Musikethnologe. Bei den zehn kleinen Negerlein ist es das Rückwärtszählen, bei den drei Chinesen die logopädisch motivierte Vokalveränderung. Er hält auch das rockige Mitgröl-Lied „Die Affen rasen durch den Wald“ für höchstproblematisch, zumal die Affen in Abbildungen in Liederbüchern vermenschlicht werden. Und in „Ein Mann, der sich Kolumbus nennt“ wird eine geschichtliche Erzählung eines Entdeckers übertragen, der von „Wilden“ empfangen wird, nachdem er scheinbar mühelos den amerikanischen Kontinent erobert hat. Aus Rivas Sicht kann man das Lied auch nicht mit Ironie rechtfertigen: „Dazu müsste man wissen, wie es wirklich war.“ Von Umsiedlungen, Vertreibungen und Hetzjagden auf indigene Völker sei keine Rede. Da falle es leicht zu sagen „Ja, aber die Lieder haben doch einen pädagogischen Anspruch und der Text ist doch gar nicht so wichtig. Und dafür möchte ich sensibilisieren und sagen: Nein, das ist wichtig, dass wir uns gerade mit diesen Texten auseinandersetzen“.


In dieser Diskussion erkennt er einen wesentlichen Unterschied zu Kinderbüchern, die entweder laut vor- oder von einzelnen Kindern still gelesen werden. „Lieder dagegen werden in Gruppen angehört, gesungen oder vorgetragen. Nur durch aktives Handeln innerhalb einer Gruppe werden sie zum Leben erweckt.“ Das Ziel musikalischer Praxis sei deswegen neben der inhaltlichen Vermittlung der Gesangstexte unter anderem das Erzeugen eines Gemeinschaftsgefühls, die Förderung der emotionalen Ausdrucksfähigkeit und Bildung eines empathischen Bewusstseins durch gleichzeitiges Aufeinander-Hören. Eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Thema sei einerseits notwendig, „da die Vorfälle in einer Umgebung verbleiben, in der Kindern die Tragweite ihrer Handlungen unter Umständen nicht bewusst ist.“